Die Jüdin

Gertrud Kolmar

1933

Ich bin fremd.

Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen, Will ich mit Türmen gegürtet sein, Die steile, steingraue Mützen tragen In Wolken hinein.

Ihr findet den erzenen Schlüssel nicht Der dumpfen Treppe. Sie rollt sich nach oben, Wie platten, schuppigen Kopf erhoben Eine Otter ins Licht.

Ach, diese Mauer morscht schon wie Felsen, Den tausendjähriger Strom bespült; Die Vögel mit rohen, faltigen Hälsen Hocken, in Höhlen verwühlt.

In den Gewölben rieselnder Sand, Kauernde Echsen mit sprenkligen Brüsten - Ich möcht eine Forscherreise rüsten In mein eigenes uraltes Land.

Ich kann das begrabene Ur der Chaldäer Vielleicht entdecken noch irgendwo, Den Götzen Dagon, das Zelt der Hebräer, Die Posaune von Jericho.

Die jene höhnischen Wände zerblies, Schwärzt sich in Tiefen, verwüstet, verbogen; Einst hab ich dennoch den Atem gesogen, Der ihre Töne stieß.

Und in Truhen, verschüttet vom Staube, Liegen die edlen Gewänder tot, Sterbender Glanz aus dem Flügel der Taube Und das Stumpfe des Behemoth.

Ich kleide mich staunend. Wohl bin ich klein, Fern ihren prunkvoll mächtigen Zeiten, Doch um mich starren die schimmernden Breiten Wie Schutz, und ich wachse ein.

Nun seh ich mich seltsam und kann mich nicht kennen, Da ich vor Rom, vor Karthago schon war, Da jäh in mir die Altäre entbrennen Der Richterin und ihrer Schar.

Von dem verborgenen Goldgefäß Läuft durch mein Blut ein schmerzliches Gleißen, Und ein Lied will mit Namen mich heißen, Die mir wieder gemäß.

Himmel rufen aus farbigen Zeichen. Zugeschlossen ist euer Gesicht: Die mit dem Wüstenfuchs scheu mich umstreichen, Schauen es nicht.

Riesig zerstürzende Windsäulen wehn, Grün wie Nephrit, rot wie Korallen, Über die Türme. Gott läßt sie verfallen Und noch Jahrtausende stehn.

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Illustration zu Die Jüdin

Interpretation

Das Gedicht "Die Jüdin" von Gertrud Kolmar handelt von der jüdischen Identität und dem Gefühl der Fremdheit. Die Sprecherin fühlt sich als Außenseiterin und sehnt sich danach, von imposanten Türmen umgeben zu sein, die ihre Isolation symbolisieren. Sie imaginiert eine steile, steingraue Treppe, die sich nach oben windet wie der Kopf eines Otters, der ins Licht emporsteigt. Die Sprecherin beschreibt die Verfall und Verwitterung der jüdischen Kultur, die von der Zeit gezeichnet ist. Die Mauer morscht wie Felsen, die von einem tausendjährigen Strom bespült werden. Die Vögel mit rohen, faltigen Hälsen haben die Höhlen verwüstet. In den Gewölben rieselt Sand, und Echsen mit sprenkligen Brüsten kauern dort. Die Sprecherin sehnt sich danach, eine Forschungsreise in ihr eigenes uraltes Land zu unternehmen, um die jüdische Geschichte und Kultur zu erkunden. Die Sprecherin träumt davon, das begrabene Ur der Chaldäer, den Götzen Dagon, das Zelt der Hebräer und die Posaune von Jericho zu entdecken. Sie erinnert sich an den Atem, der einst die Töne der Posaune stieß, und an die edlen Gewänder, die in Truhen vom Staub bedeckt liegen. Obwohl sie klein und fern von den prunkvollen Zeiten ist, fühlt sie sich von den schimmernden Breiten umgeben, die ihr Schutz bieten. Sie wächst in ihrer Identität und erkennt sich selbst als Teil einer langen Geschichte, die vor Rom und Karthago existierte. Die Sprecherin spürt das schmerzhafte Gleißen des verborgenen Goldgefäßes in ihrem Blut und sehnt sich nach einem Lied, das ihren Namen mit Namen ruft und ihr wieder gemäß ist. Sie beobachtet den Himmel mit seinen farbigen Zeichen, doch die Menschen um sie herum, die sich wie Wüstenfüchse um sie scharen, erkennen ihre Identität nicht. Riesige Windsäulen, grün wie Nephrit und rot wie Korallen, zerstören die Türme, doch Gott lässt sie verfallen und sie stehen noch Jahrtausende.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Metapher
Und noch Jahrtausende stehn
Personifikation
Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen
Vergleich
Wie platten, schuppigen Kopf erhoben