Die Jagd
1903Hell der Himmel ist erleuchtet, Sonnenstrahlen hin und her, Frischer Tau den Rasen feuchtet, Silbern glänzt das Jagdgewehr.
Eine Jagd ist’s! Blutig jagend Eilt der Jäger durch den Wald, Für das Böse Alles wagend, Mordruf weit und breit erschallt!
Aufgescheucht flieh’n junge Rehe Von dem blut’gen Schauplatz fort, Doch der Jäger Todesnähe Eilet nach von Ort zu Ort.
Mit der Hast, dem wilden Grimme, Der das Böse gern beschönt, Der betäubend jene Stimme Ernsten Mahnens wild verhöhnt.
Bei dem blut’gen Reh daneben Steht der Schütze, blutig rot: “Räche Gott, mein schuldlos Leben” - Fleht das Tier vor seinem Tod.
Trotzig glänzt des Waidmanns Miene Bei des jungen Rehes Blut Und es war, als wenn’s ihm schiene Heute hätt’ er Glück und Gut! -
“O, dass ich den Bock erwische” Und so stürzt er rasend fort, Und bleibt hängen im Gebüsche, Fremdes Ross, es tummelt dort;
Schleift den Jäger zu der Heide, Wo das Tier getroffen liegt, Still am Boden liegen Beide, Schuldlos Reh hat obsiegt!
Endlich macht es eine Runde, Endlich steht das wilde Ross, Doch in selbiger Sekunde Geht des Jägers Büchse los!
Jäger schaut’s mit stierem Blicke, Schmerz durchzuckt sein Angesicht: Jäger, traue Deinem Glücke, Deiner wilden Jagdlust nicht! -
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Interpretation
Das Gedicht "Die Jagd" von Friederike Kempner beschreibt eine blutige und grausame Jagd, bei der ein Jäger durch den Wald eilt und Tiere tötet. Die Jagd wird als "böse" und "blutig" charakterisiert, wobei der Jäger für das Böse alles wagt und der Mordruf weit und breit erschallt. Das Gedicht schildert die Flucht der jungen Rehe vor dem Jäger, der ihnen mit Todesnähe folgt. Der Jäger wird als wild und grimmig dargestellt, der die ernsten Mahnungen der Tiere verhöhnt. Das Gedicht beschreibt die Tötung eines jungen Rehs und den Trotz des Jägers, der sich glücklich und erfolgreich fühlt. Am Ende des Gedichts ereignet sich eine ironische Wendung: Der Jäger stürzt in ein Gebüsch und wird von einem fremden Pferd zu der Heide geschleift, wo das Reh liegt. Sowohl der Jäger als auch das Reh liegen reglos am Boden, wobei das schuldlose Reh obsiegt hat. In der letzten Strophe löst sich die Büchse des Jägers unbeabsichtigt aus, woraufhin der Jäger mit schmerzverzerrtem Gesicht davor gewarnt wird, seinem Glück und seiner wilden Jagdlust zu trauen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Wilder Jagdlust
- Metapher
- Stiere Blick
- Personifikation
- Schuldlos Reh hat obsiegt