Die Insel

Rainer Maria Rilke

1912

Nordsee

I

Die nächste Flut verwischt den Weg im Watt,und alles wird auf allen Seiten gleich; die kleine Insel aber draußen hat die Augen zu; verwirrend kreist der Deich

um ihre Wohner, die in einen Schlaf geboren werden, drin sie viele Welten verwechseln, schweigend; denn sie reden selten, und jeder Satz ist wie ein Epitaph

für etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes, das unerklärt zu ihnen kommt und bleibt. Und so ist alles was ihr Blick beschreibt

von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes, zu Großes, Rücksichtsloses, Hergesandtes, das ihre Einsamkeit noch übertreibt.

II

Als läge er in einem Krater-Kreise auf einem Mond: ist jeder Hof umdämmt, und drin die Gärten sind auf gleicher Weise gekleidet und wie Waisen gleich gekämmt

von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht und tagelang sie bange macht mit Toden. Dann sitzt man in den Häusern drin und sieht in schiefen Spiegeln was auf den Kommoden

Seltsames steht. Und einer von den Söhnen tritt abends vor die Tür und zieht ein Tönen Aus der Harmonika wie Weinen weich;

so hörte ers in einem fremden Hafen -. Und draußen formt sich eines von den Schafen ganz groß, fast drohend auf dem Außendeich.

III

Nah ist nur Innres; alles andre fern. Und dieses Innere gedrängt und täglich mit allem überfüllt und ganz unsäglich. Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstört in seinem unbewußten Furchtbarsein, so daß er, unerhellt und überhört, allein

das mit dies alles doch ein Ende nehme dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan der Wandelsterne, Sonnen und Systeme.

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Illustration zu Die Insel

Interpretation

Das Gedicht "Die Insel" von Rainer Maria Rilke beschreibt das Leben auf einer kleinen Nordseeinsel und die damit verbundene Isolation und Begrenztheit. Die Insel wird als ein Ort dargestellt, an dem die Bewohner in einen Schlaf geboren werden, in dem sie Welten verwechseln und selten sprechen. Alles, was sie sehen, wird als zu groß, rücksichtslos und fremd empfunden, was ihre Einsamkeit noch verstärkt. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Enge und der Mangel an Perspektive auf der Insel verdeutlicht. Die Häuser und Gärten sind wie in einem Krater umgeben, und die Menschen sitzen in ihren Häusern und betrachten die seltsamen Gegenstände in ihren schiefen Spiegeln. Die Inselbewohner sind wie Waisen, die von einem rauen Sturm erzogen werden und ständig Angst vor dem Tod haben. Im letzten Teil des Gedichts wird die Insel mit einem zu kleinen Stern verglichen, der vom Raum nicht wahrgenommen wird und still zerstört wird. Die Inselbewohner versuchen, in ihrer selbst erfundenen Bahn zu gehen, ohne einen Plan oder eine Perspektive zu haben. Das Gedicht beschreibt die Isolation und Begrenzung des Lebens auf einer kleinen Insel und die damit verbundene Sehnsucht nach Freiheit und Perspektive.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
tagelang sie bange macht mit Toden
Bildsprache
Als läge er in einem Krater-Kreise auf einem Mond
Enjambement
die ihre Einsamkeit noch übertreibt. / Als läge er in einem Krater-Kreise
Hyperbel
Und draußen formt sich eines von den Schafen ganz groß, fast drohend auf dem Außendeich
Kontrast
Nah ist nur Innres; alles andre fern
Metapher
Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern
Personifikation
Die kleine Insel aber draußen hat die Augen zu
Symbolik
Die Harmonika als Symbol für Sehnsucht und Fremdheit
Vergleich
Und einer von den Söhnen tritt abends vor die Tür und zieht ein Tönen Aus der Harmonika wie Weinen weich