Die Industrie
1845Vor ihm sind tausend Jahre wie der Tag, Der gestern schied mit feierlichem Prangen; Denn was der Sturm der Zeiten auch zerbrach - Ihm ist er machtlos nur vorbeigegangen, Ihm nur, der Menschheit wundervollem Geist, Den ewig seine eigne Schöne preist, Der frei entwandelt jeglicher Vernichtung, Der leuchtend zieht die eigne Bahn und Richtung!
Er wohnte an des Indus heil’ger Flut, Er stürmte durch der Griechen grüne Felder, Er strahlt’ und blühte in ital’scher Glut Und sang sein Lied im Dunkel deutscher Wälder. Er schwebte durch der Meere wüsten Schwall, Und in des Niagara Donnerfall Erscholl sein Ruf: “Wie auch die Jahre schreiten: Ich bin derselbe wie zu alten Zeiten!”
Wohl hat er als das Höchste sich bewährt, Der Mensch, der kühn die Elemente bändigt, Der rastlos fort und weiter nur begehrt, Des Streben nie mit einem Abend endigt, Dem der Gestirne Wandel so bekannt Wie seiner Heimat blumenreiches Land, Dem täglich neue Welten sich erschließen Zu neuer Tat, zu schönerem Genießen!
Erfindrisch greift er in die Gegenwart: Da keimt es auf zu schimmernder Gestaltung! Was ein Jahrhundert ahnungsvoll erharrt, Es ward, es ist in herrlicher Entfaltung! - O Toren, die dem Leben ihr entrückt, Euch stets an alten Wundern nur entzückt: Die Wunder, so der Gegenwart entsprossen, Sind groß wie die der Tage, so verflossen! -
Es ging der Mensch durch grüner Wälder Pracht, Und prüfend wählte er die Riesenfichte; Er wand das Eisen aus der Berge Schacht Und trug’s empor zum frohen Sonnenlichte. Drauf, in der Schiffe flutbespültem Raum, Fuhr er frohlockend zu dem Küstensaum Entfernter Völker, transatlant’schem Strande Die Kunde bringend europä’scher Lande.
Und in der Städte dampf umhülltem Schoß, Wie rast die Flamme wild aus tausend Essen! In reinen Formen windet es sich los, Was ungebildet die Natur besessen. - O wär’s dem sel’gen Gotte doch erlaubt, Aufs neu zu heben sein ambrosisch Haupt: Hephaistos, säh den Dampf die Bahn er wallen, Dem Menschen staunend, würd er niederfallen!
Nicht braucht’s der Morgenröte Flügel mehr, Um sich zu betten in den letzten Zonen: Die eigne Kunst trägt brausend uns einher Weit durch den großen Garten der Nationen! Entgegen eilt, was Strom und See getrennt, Und rings in Millionen Augen brennt Hell das Bewußtsein, daß die Nacht entschwunden, Der Mensch den Menschen wieder hat gefunden!
So donnert laut das Ringen unsrer Zeit, Die Industrie ist Göttin unsren Tagen! Zwar noch erscheint’s, sie halte starr gefeit Mit Basiliskenblick der Herzen Schlagen; Denn düster sitzt sie auf dem finstern Thron, Und geißelnd treibt zu unerhörter Fron, Tief auf der Stirn des Unheils grausen Stempel, Den Armen sie zu ihrem kalten Tempel!
Und Menschen opfernd steht sie wieder da, Des Irrtums unersättliche Begierde; Weinend verhüllt sein Haupt der Paria, Indes der andre strahlt in güldner Zierde: Doch Tränen fließen jedem großen Krieg, Es führt die Not nur zu gewisserm Sieg! Und wer sie schmieden lernte, Schwert und Ketten, Kann mit dem Schwert aus Ketten sich erretten!
Was er verlieh, des Menschen hehrer Geist, Nicht Einem - Allen wird es angehören! Und wie die letzte Kette klirrend reißt Und wie die letzten Arme sich empören: Verwandelt steht die dunkle Göttin da - Beglückt, erfreut ist Alles, was ihr nah! Der Arbeit Not, die niemand lindern wollte, Sie war’s, die selbst den Fels beiseite rollte!
Dann ist’s vollbracht! Und in das große Buch, Das tönend der Geschichte Wunder kündet, Schreibt man: “Daß jetzt der Mensch sich selbst genug, Da sich der Mensch am Menschen nur entzündet.” Frei rauscht der Rede lang gedämpfter Klang, Frei auf der Erde geht des Menschen Gang! Und die Natur mit zaubervollem Kusse Lockt die Lebend’gen fröhlich zum Genusse!
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Interpretation
Das Gedicht "Die Industrie" von Georg Ludwig Weerth ist eine Ode an den menschlichen Fortschritt und die industrielle Revolution. Es preist die menschliche Fähigkeit, die Natur zu beherrschen und durch Erfindungsreichtum und technologischen Fortschritt die Gesellschaft zu verändern. Weerth vergleicht die Industrie mit einer Göttin, die die Menschheit in eine neue Ära führt. Das Gedicht beginnt mit einer Hymne auf den menschlichen Geist, der durch die Zeiten hindurch beständig bleibt und sich in verschiedenen Kulturen manifestiert. Weerth betont die unermüdliche Suche des Menschen nach Wissen und die Fähigkeit, die Elemente zu beherrschen. Er stellt den Menschen als einen unersättlichen Entdecker dar, der ständig neue Welten erschließt und zu neuen Taten anspornt. Im weiteren Verlauf des Gedichts beschreibt Weerth die konkreten Errungenschaften der industriellen Revolution, wie den Schiffbau, die Metallverarbeitung und die Dampfmaschine. Er vergleicht die moderne Technik mit den Mythen der Antike und stellt fest, dass selbst die Götter staunen würden über die Leistungen der Menschheit. Das Gedicht endet mit einer Vision einer zukünftigen Gesellschaft, in der die Industrie nicht mehr als unterdrückende Kraft, sondern als befreiende Macht erscheint, die den Menschen zu wahrer Freiheit und Glück verhilft. Weerth erkennt zwar die negativen Aspekte der Industrialisierung an, wie die Ausbeutung der Arbeiter und die soziale Ungleichheit. Doch er sieht diese als vorübergehende Übel, die durch den Fortschritt überwunden werden. Das Gedicht ist ein Beispiel für den fortschrittlichen Optimismus des 19. Jahrhunderts, der an die Überwindung aller gesellschaftlichen Probleme durch technischen und wissenschaftlichen Fortschritt glaubte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Vor ihm sind tausend Jahre wie der Tag
- Antithese
- Und Menschen opfernd steht sie wieder da, Des Irrtums unersättliche Begierde
- Bildsprache
- Er wohnte an des Indus heil'ger Flut, Er stürmte durch der Griechen grüne Felder
- Enjambement
- Vor ihm sind tausend Jahre wie der Tag, Der gestern schied mit feierlichem Prangen
- Hyperbel
- Vor ihm sind tausend Jahre wie der Tag
- Kontrast
- Und Menschen opfernd steht sie wieder da, Des Irrtums unersättliche Begierde
- Metapher
- Die Industrie ist Göttin unsren Tagen
- Parallelismus
- Und in der Städte dampf umhülltem Schoß, Wie rast die Flamme wild aus tausend Essen
- Personifikation
- Und Menschen opfernd steht sie wieder da
- Symbolik
- Hephaistos, säh den Dampf die Bahn er wallen