Die himmlische und irdische Venus

Johann Nikolaus Götz

1760

Mich ließ Apoll auf Parnaßes Höhen Die himmlische und ird′sche Venus sehen; Die ein′ umgab von Tugenden ein Thor: Ich sah bey ihr die Weisheit selber stehen; Ihr Finger wieß entfernt des Glückes Thor. Die zwot′, umhüpft von Scherzen und von Freuden, Warf Rosen aus, sang Amorn lächelnd vor. Wähl′, sprach Apoll, die würdigste von beyden! - Gelehrter Gott, versetzt′ ich demuthsvoll: Gebiete nicht, daß ich sie trennen soll: Gewähre mir, dann so nur geh′ ich sicher! Die für mich selbst, die dort für meine Bücher.

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Illustration zu Die himmlische und irdische Venus

Interpretation

Das Gedicht "Die himmlische und irdische Venus" von Johann Nikolaus Götz beschreibt eine Begegnung des lyrischen Ichs mit zwei Gestalten der Venus. Die eine, die himmlische Venus, wird von Tugenden umgeben und steht in Verbindung mit Weisheit und dem Tor des Glücks. Die andere, die irdische Venus, ist von Scherzen und Freuden umhüpft und wirft Rosen, während sie Amoren lächelnd vor sich her singt. Der Dichter wird von Apoll aufgefordert, zwischen den beiden zu wählen, was er jedoch ablehnt, da er sie nicht trennen möchte. Das lyrische Ich betont, dass es die Venus nicht trennen kann, da die eine für sich selbst und die andere für seine Bücher steht. Dies deutet darauf hin, dass die himmlische Venus für die innere, spirituelle Entwicklung steht, während die irdische Venus für die äußere, sinnliche Welt repräsentiert. Die Wahl zwischen den beiden wäre für das lyrische Ich unmöglich, da beide Aspekte für ein erfülltes Leben und Werk notwendig sind. Das Gedicht reflektiert somit die Ambivalenz zwischen der geistigen und der sinnlichen Welt, die für den Menschen schwer zu vereinen ist. Es zeigt, dass beide Aspekte wichtig sind und dass eine einseitige Ausrichtung zu einem Ungleichgewicht führen würde. Die Weigerung des lyrischen Ichs, zwischen den beiden Venus zu wählen, symbolisiert die Akzeptanz der Komplexität des Lebens und die Notwendigkeit, beide Seiten zu umarmen.

Schlüsselwörter

apoll thor ließ parnaßes höhen himmlische ird sche

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Stilmittel

Anrede
Gelehrter Gott, versetz′ ich demuthsvoll:
Direkte Ansprache
Wähl′, sprach Apoll, die würdigste von beyden!
Kontrast
Die ein′ umgab von Tugenden ein Thor: Ich sah bey ihr die Weisheit selber stehen; Ihr Finger wieß entfernt des Glückes Thor. Die zwot′, umhüpft von Scherzen und von Freuden, Warf Rosen aus, sang Amorn lächelnd vor.
Metapher
Mich ließ Apoll auf Parnaßes Höhen Die himmlische und ird′sche Venus sehen
Parallelismus
Die für mich selbst, die dort für meine Bücher.
Personifikation
Ich sah bey ihr die Weisheit selber stehen