Die Hexenjagd
1815»Nun müssen wir reiten durch Nacht und Sturm; Schon wieder flohn drei aus dem Drudenturm, Die morgen mir brennen sollten. Auf, meine Dogge, mein Höllenzwang! Herbei, ihr Knechte! Denn solch einem Fang, Dem hat es seit lang nicht gegolten.« So sprengt aus dem Thore von Lindheim Geiß, Der grimmige Bauernbedränger; Ihm folgen die Büttel auf sein Geheiß Und die Hunde, die Hexenfänger.
Von dannen stürmt er mit wildem Hallo. Was braut auf dem Moore? Was flackert so loh? Was huschelt und raunt auf der Wiese? Dort kauern am Feuer von qualmendem Torf Die Hanne, der Schrecken vom ganzen Dorf, Die alte Margret und die Lise; Sie schaffen am Kessel und rühren geschwind Das schwarze Gebräu mit der Kelle, Und schüren die Glut im Wirbelwind: »Hilf, Teufel! Hilf, Buhlgeselle!«
Da steigt es herauf wie Nebel und Rauch Und ballt sich und wirbelt um Busch und Strauch Und kreist und dreht sich in Ringen; Hier zuckt es empor, dort huscht es im Flug; Von Hexen wimmelt der ganze Bruch; Sie hüpfen und lachen und springen. Mit Besen und Büchse und Zauberknäul Umtanzen sie Roß und Reiter; Bald leises Zischeln, bald wüstes Geheul: »Nur weiter, Herr Geiß, nur weiter!«
Hell wird′s auf der Wiese von rötlichem Licht, Und Holzstoß drängt sich an Holzstoß dicht Mit leckenden Flammenzungen. Herr Geiß hält inne; von links und rechts, Von vorn und von hinten vernimmt er Geächz; So hat es noch nie ihm geklungen. Er sieht durch die Glut und den Wirbeldampf Der aufwärts lodernden Brände Gesichter, erbleichend im Todeskrampf, Und jammernd gerungene Hände.
Nur weiter, nur weiter! Auf einmal klafft Ein Graben vor ihm; er spornt mit Kraft Den schnaubenden Renner zum Springen. Da taucht aus der Tiefe im weißen Gewand Die tolle Gertraud, die er gestern verbrannt; In die Arme will sie ihn schlingen. Er starrt; ihn dünkt, als ob himmelan Zur Riesin sie wüchs′ und schwölle. »Hoho! Hoho! - mein süßer Kumpan! Auf Wiedersehn in der Hölle!«
Jäh, bäumt sich das Roß; ein Fluch noch gellt Aus dem Munde des Reiters, und taumelnd fällt Er häuptlings hinab zu dem Schlunde. Rings fliegen die Hexen heran vom Moor; Sie klatschen mit Händen; sie jauchzen im Chor Und tanzen um ihn in der Runde, Bis gelb die Nebel der Frühe brau′n Und es dämmert über dem Graben; Da huschen sie fort durch das Morgengraun Und lassen die Leiche den Raben.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Hexenjagd" von Adolf Friedrich Graf von Schack erzählt die Geschichte einer nächtlichen Hexenjagd, angeführt von dem Bauernbedränger Geiß. Dieser bricht mit seinen Bütteln und Hunden aus Lindheim auf, um drei geflohene Hexen zu fangen, die am nächsten Tag hätten verbrannt werden sollen. Die Jagd führt ihn aufs Moor, wo er eine Gruppe von Hexen bei der Zubereitung eines Zaubertranks beobachtet. Die Hexen umkreisen Geiß und seine Männer mit ihren Besen und rufen ihm zu, weiterzumachen. Als Geiß inne hält, um das Geschehen zu betrachten, sieht er durch die Flammen und den Rauch Gesichter im Todeskrampf und jammernde Hände. Plötzlich klafft vor ihm ein Graben auf, und er versucht, mit seinem Pferd darüber zu springen. Doch aus der Tiefe taucht die vor kurzem verbrannte Gertraud auf und will ihn in ihre Arme schließen. Geiß starrt entsetzt, während sie zu einer Riesin anwächst. Mit einem Fluch fällt er in den Graben, wo ihn die Hexen umringen, klatschen und tanzen, bis der Morgen anbricht. Dann verschwinden sie, und lassen Geiß' Leiche den Raben über.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- »Nun müssen wir reiten durch Nacht und Sturm; Schon wieder flohn drei aus dem Drudenturm, Die morgen mir brennen sollten.«
- Anapher
- »Hilf, Teufel! Hilf, Buhlgeselle!«
- Bildsprache
- Die detaillierten Beschreibungen der Hexen, des Feuers und der Natur schaffen lebendige Bilder im Geist des Lesers.
- Hyperbel
- »Zur Riesin sie wüchs' und schwölle.«
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen der fröhlichen Stimmung der Hexen und dem tragischen Ende von Herr Geiß.
- Metapher
- Die alten Frauen werden als Hexen dargestellt, die am Kessel ein 'schwarzes Gebräu' anrühren.
- Onomatopoesie
- »Hoho! Hoho!«
- Personifikation
- Der Teufel wird als 'Buhlgeselle' bezeichnet, was ihm menschliche Eigenschaften zuschreibt.
- Symbolik
- Das Feuer und die Flammen symbolisieren die Hexenjagd und die Verfolgung.