Die Gunst des Augenblicks
1796Und so finden wir uns wieder In dem heitern bunten Reihn, Und es soll der Kranz der Lieder Frisch und grün geflochtne sein.
Aber wem der Götter bringen Wir des Liedes ersten Zoll? Ihm vor allen lasst uns singen, Der die Freude schaffen soll.
Denn was frommt es, dass mit Leben Ceres den Altar geschmückt? Dass den Purpursaft der Reben Bacchus in die Schale drückt?
Zuckt vom Himmel nicht der Funken, Der den Herd in Flammen setzt: Ist der Geist nicht freudetrunken, Und das Herz bleibt umergötzt.
Aus den Wolken muss es fallen, Aus der Götter Schoß das Glück, Und der mächtigste von allen Herrschern ist der Augenblick.
Von dem allerersten Werden Der unendlichen Natur, Alles Göttliche auf Erden Ist ein Lichtgedanke nur.
Langsam in dem Lauf der Horen Fuget sich der Stein zum Stein: Schnell, wie es der Geist geboren, Will das Werk empfunden sein.
Wie im hellen Sonnenblicke Sich ein Farbenteppich webt, Wie auf ihrer bunten Brücke Iris durch den Himmel schwebt,
So ist jede schöne Gabe Flüchtig wie des Blitzes Schein; Schnell in ihrem düstern Grabe Schließt die Nacht sie wieder ein.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Gunst des Augenblicks" von Friedrich von Schiller thematisiert die flüchtige Natur des Glücks und die Bedeutung des gegenwärtigen Moments. Schiller betont, dass wahre Freude und Inspiration von den Göttern kommen und nicht durch irdische Gaben wie Wein oder Getreide erreicht werden können. Der Dichter stellt den Augenblick als den mächtigsten Herrscher dar, der die Quelle allen Glücks und aller kreativen Impulse ist. Schiller verwendet dabei Naturbilder und mythologische Bezüge, um seine Botschaft zu vermitteln. Er vergleicht die Entstehung von Schönheit und Kunst mit dem flüchtigen Erscheinen eines Regenbogens oder eines Farbenteppichs im Sonnenlicht. Diese Metaphern unterstreichen die Vergänglichkeit und die spontane Natur von Inspiration und Glück. Der Dichter fordert dazu auf, den gegenwärtigen Moment zu schätzen und zu nutzen, da er die Quelle allen Göttlichen auf Erden ist. Abschließend verweist Schiller auf die Dualität von Schöpfung und Vergänglichkeit. Während die Natur langsam und beharrlich ihre Werke formt, entsteht die Kunst schnell und wird ebenso schnell wieder vergessen. Die schönen Gaben des Lebens sind so vergänglich wie ein Blitz, der schnell in der Nacht verschwindet. Diese Einsicht soll den Leser dazu anregen, den gegenwärtigen Moment zu genießen und zu würdigen, bevor er vorübergeht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Von dem allerersten Werden
- Anapher
- Und so finden wir uns wieder In dem heitern bunten Reihn
- Hyperbel
- Und der mächtigste von allen Herrschern ist der Augenblick
- Metapher
- Denn was frommt es, dass mit Leben Ceres den Altar geschmückt?
- Personifikation
- Und der mächtigste von allen Herrschern ist der Augenblick
- Reimschema
- AABB
- Symbolik
- Aus den Wolken muss es fallen, Aus der Götter Schoß das Glück
- Vergleich
- Wie im hellen Sonnenblicke Sich ein Farbenteppich webt