Die Grotte der Diana am Albanersee

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1804

O du vom heil′gen Boden der Fabelwelt, Vom Frühlingsgarten meines Hesperiens, Von meiner Sehnsucht Grab und Wiege Süßestes, theuerstes Schattenplätzchen!

Wohin die Schwermuth flüchtet, die Ewige Verlassend, die Jahrtausende nicht gelehrt Ihr stolzes Herrscherhaupt zu bücken, Roma, die Einsame, wie die Eine!

Denn also ist des Menschen Gemüth. Der Geist, Der einsam lastet über den Trümmern all′, Oft drückt er, und ein starkes Herz zürnt, Wenn sich die Hehre vor ihm entfaltet,

Einst ach so großer Thaten und Götter voll, Noch ohne Lorbeer glühet der Genius, Und Scham ihm, gleich der Purpurblüthe Künftiger Früchte, die Wange röthet.

Zu schwach auch ist er. Immer im Tempel selbst Verharrt die Andacht nicht. Der Olympier Legt oft den Donnerkeil zur Seite, Ueber den schlummernden Kronos lächelt

Die Charis. Eilig flieg′ ich zu dir alsdann In kühles Dunkel, wo den Erinn′rungen Der fernen Vorwelt noch zum Denkmal Epheugehänge dem Fels entsinken.

Da stört sie nicht in mächtiger Wirklichkeit Die Ruhmsucht auf: sie wehet dem Lüftchen gleich, Sie dämmert, wie die Abendröthe, Duftet, wie Rosen, ums Angesicht mir.

So ist′s dem Kühnen, der aus der wogenden Urnacht des Meeres schwindelnd hervorgetaucht, Noch taumelnd von den Wundern allen, Die er gesehen im ew′gen Abgrund.

Wie mir′s ist, wenn ich deiner Gewalt entfloh, O Rom, und dennoch hängt mein Gedank′ an dir, Herakles du der Weltgeschichte, Nur daß ich ihn in der Wiege denke.

Denn wo die Fluth so selig durch Frühlingslaub Vorblinkend, dort am felsigen Ufer spielt, Stand ja die Mutter Alba, die ihr Leben geopfert dem Zorn der Tochter.

Doch nicht die Schlachten, nicht die zerstörenden Streitkräfte, nicht des Kriegesgetümmels denkt Mein Geist; es jubeln hier und singen Liebliche Vögel zurück die Götter,

Die alten, die zur Heimath das Seegestad, Der Grotte Dunkel, und dies erquickliche, Dies ew′ge Grün gewählt, und heimlich Noch ihr unsterbliches Leben führen.

Die Menschen ja vergess′ ich so leicht und gern, Nur Eine Scheu ist′s, die mich beängstiget, Ob nicht dem Grottenbad entsteigend, Plötzlich die Jägerin mir erscheine.

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Illustration zu Die Grotte der Diana am Albanersee

Interpretation

Das Gedicht "Die Grotte der Diana am Albanersee" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist ein lyrisches Werk, das die Schönheit und den Zauber einer mythologischen Stätte beschwört. Der Sprecher sehnt sich nach der Ruhe und dem Schatten der Grotte, die als ein Ort der Sehnsucht und des Trostes beschrieben wird. Die Grotte wird als ein Ort dargestellt, an dem die Erinnerungen an die ferne Vorwelt noch lebendig sind und die alten Götter heimlich ihr unsterbliches Leben führen. Das Gedicht thematisiert auch die menschliche Natur und den Konflikt zwischen der Sehnsucht nach dem Ewigen und der Realität der Vergänglichkeit. Der Sprecher flüchtet vor der Last des Geistes und der Einsamkeit, die durch die Ruinen Roms symbolisiert wird. Die Grotte wird als ein Ort der Zuflucht und des Friedens beschrieben, an dem die Gedanken frei schweifen können und die Erinnerungen an die Vergangenheit lebendig werden. Die letzte Strophe des Gedichts bringt die Angst des Sprechers zum Ausdruck, dass die Göttin Diana, die Jägerin, plötzlich aus dem Grottenbad auftauchen könnte. Dies könnte als eine Metapher für die unerwartete Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit oder den eigenen Ängsten interpretiert werden. Das Gedicht endet mit einer Note der Unsicherheit und der Sehnsucht nach dem Unbekannten.

Schlüsselwörter

gen wiege menschen geist oft götter gleich dunkel

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Stilmittel

Anapher
O du vom heil′gen Boden der Fabelwelt, Vom Frühlingsgarten meines Hesperiens, Von meiner Sehnsucht Grab und Wiege
Anspielung
Herakles du der Weltgeschichte
Apostrophe
O du vom heil′gen Boden der Fabelwelt
Bildlichkeit
Wo den Erinn′rungen Der fernen Vorwelt noch zum Denkmal Epheugehänge dem Fels entsinken
Enjambement
Doch nicht die Schlachten, nicht die zerstörenden Streitkräfte, nicht des Kriegesgetümmels denkt Mein Geist
Hyperbel
Herakles du der Weltgeschichte
Kontrast
Die Menschen ja vergess′ ich so leicht und gern, Nur Eine Scheu ist′s, die mich beängstiget
Metapher
Wo die Fluth so selig durch Frühlingslaub Vorblinkend
Personifikation
Denn also ist des Menschen Gemüth. Der Geist, Der einsam lastet über den Trümmern all′, Oft drückt er, und ein starkes Herz zürnt
Symbolik
Die Grotte Dunkel
Vergleich
Sie wehet dem Lüftchen gleich, Sie dämmert, wie die Abendröthe, Duftet, wie Rosen