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Die Grotte der Diana am Albanersee

Von

O du vom heil′gen Boden der Fabelwelt,
Vom Frühlingsgarten meines Hesperiens,
Von meiner Sehnsucht Grab und Wiege
Süßestes, theuerstes Schattenplätzchen!

Wohin die Schwermuth flüchtet, die Ewige
Verlassend, die Jahrtausende nicht gelehrt
Ihr stolzes Herrscherhaupt zu bücken,
Roma, die Einsame, wie die Eine!

Denn also ist des Menschen Gemüth. Der Geist,
Der einsam lastet über den Trümmern all′,
Oft drückt er, und ein starkes Herz zürnt,
Wenn sich die Hehre vor ihm entfaltet,

Einst ach so großer Thaten und Götter voll,
Noch ohne Lorbeer glühet der Genius,
Und Scham ihm, gleich der Purpurblüthe
Künftiger Früchte, die Wange röthet.

Zu schwach auch ist er. Immer im Tempel selbst
Verharrt die Andacht nicht. Der Olympier
Legt oft den Donnerkeil zur Seite,
Ueber den schlummernden Kronos lächelt

Die Charis. Eilig flieg′ ich zu dir alsdann
In kühles Dunkel, wo den Erinn′rungen
Der fernen Vorwelt noch zum Denkmal
Epheugehänge dem Fels entsinken.

Da stört sie nicht in mächtiger Wirklichkeit
Die Ruhmsucht auf: sie wehet dem Lüftchen gleich,
Sie dämmert, wie die Abendröthe,
Duftet, wie Rosen, ums Angesicht mir.

So ist′s dem Kühnen, der aus der wogenden
Urnacht des Meeres schwindelnd hervorgetaucht,
Noch taumelnd von den Wundern allen,
Die er gesehen im ew′gen Abgrund.

Wie mir′s ist, wenn ich deiner Gewalt entfloh,
O Rom, und dennoch hängt mein Gedank′ an dir,
Herakles du der Weltgeschichte,
Nur daß ich ihn in der Wiege denke.

Denn wo die Fluth so selig durch Frühlingslaub
Vorblinkend, dort am felsigen Ufer spielt,
Stand ja die Mutter Alba, die ihr
Leben geopfert dem Zorn der Tochter.

Doch nicht die Schlachten, nicht die zerstörenden
Streitkräfte, nicht des Kriegesgetümmels denkt
Mein Geist; es jubeln hier und singen
Liebliche Vögel zurück die Götter,

Die alten, die zur Heimath das Seegestad,
Der Grotte Dunkel, und dies erquickliche,
Dies ew′ge Grün gewählt, und heimlich
Noch ihr unsterbliches Leben führen.

Die Menschen ja vergess′ ich so leicht und gern,
Nur Eine Scheu ist′s, die mich beängstiget,
Ob nicht dem Grottenbad entsteigend,
Plötzlich die Jägerin mir erscheine.

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Gedicht: Die Grotte der Diana am Albanersee von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Die Grotte der Diana am Albanersee“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine romantische Reflexion über die Sehnsucht nach einer idealisierten Vergangenheit und die Flucht vor den Zwängen der Gegenwart, symbolisiert durch das antike Rom. Waiblinger nutzt die Grotte der Diana als einen Ort der Ruhe und der Inspiration, fernab vom Lärm der Welt und den Ansprüchen des Ruhms. Das Gedicht ist durchdrungen von einer melancholischen Schönheit und der Suche nach Trost in der Natur und den Erinnerungen an die griechisch-römische Mythologie.

In den ersten Strophen etabliert Waiblinger die Grotte als einen heiligen Ort, einen Rückzugsort von der „Schwermuth“ und der erdrückenden Präsenz Roms, der ewigen Stadt. Er beschreibt das Gemüt des Menschen, das oft von den Trümmern der Vergangenheit bedrückt wird, aber sich gleichzeitig nach Schönheit und Erhabenheit sehnt. Die Grotte bietet einen Kontrast zur Welt des Ruhms und der Macht, in der der Geist des Dichters Trost und Erholung findet. Die Anspielungen auf die Götter und die Mythologie (Olympier, Charis, Kronos) unterstreichen die Suche nach einer verlorenen Harmonie und Unbeschwertheit.

Die mittleren Strophen beschreiben die Flucht in die Grotte als eine Befreiung von den Fesseln des Ruhms und der Ambitionen. Die Erinnerungen an die Vergangenheit, repräsentiert durch „Epheugehänge“, hängen wie ein Denkmal am Felsen, ohne die erdrückende Last der Wirklichkeit. Hier kann der Dichter in Ruhe die Schönheit der Natur genießen und sich von den „Wundern“ der Vergangenheit inspirieren lassen. Das Gedicht vergleicht diese Erfahrung mit dem Aufstieg eines „Kühnen“ aus der „Urnacht des Meeres“, der von den gesehenen Wundern überwältigt ist, eine Metapher für das Eintauchen in die Welt der Fantasie und der Poesie.

In den abschließenden Strophen verweilt Waiblinger bei der Ambivalenz seiner Gefühle für Rom und der Sehnsucht nach dem idyllischen Ort. Die „Mutter Alba“, die sich für ihre Tochter opferte, wird zu einem Symbol für die tragische Schönheit der Vergangenheit. Die Grotte wird zum Ort, an dem die alten Götter in friedlicher Harmonie leben, während die Menschen und ihre Kämpfe in den Hintergrund treten. Die letzte Strophe offenbart jedoch eine latente Angst, dass die „Jägerin“, Diana, plötzlich erscheinen und ihn aus seiner Ruhe reißen könnte, ein Hinweis auf die ewige Spannung zwischen dem Wunsch nach Frieden und der Macht der Natur und Mythologie. Das Gedicht endet mit einer subtilen Warnung vor der Macht der Vergangenheit und den unheimlichen Aspekten der Natur.

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Lizenz und Verwendung

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