Die gröste Beschwerlichkeit, die Liebe
1660Mit Lieben ist es so beschaffen: du must dich offters lassen straffen, dein Ernst muß Spott und Tohrheit sein. Du must dich so, bald anders stellen. Redtstu vom Himmel, sie spricht: Nein, so muß es sein der Schlund der Höllen.
Kein ruhig Leben kanstu führen, du must dich selbst in dir verlieren, must lebend-todt, todt-lebend sein. Du darffst nicht, was dir gut dünkt, sagen, bewährstu daß und sie spricht Nein, so mustu bald dein Wort verschlagen.
Dein Tag vergeht in Noth und Plagen, die Nacht verschwindet dir mit Klagen, du kanst nicht schlaff-nicht wachend sein, hastu dich eins der Lieb′ ergeben und meinest froh zu sein. Ach nein! die Lieb′ ist dir ein Marterleben.
Offt mustu vor die Pforten nachten, must Regen, Frost und Schnee verachten, must leiden und geduldig sein. Hört sie dich an mit tauben Ohren; sey nicht verdrießlich, Nein ach nein. Verdruß hat manchen Raub verlohren.
Der Neider Zungen mustu lachen, must allzeit dich Politisch machen, in alle Sättel eben sein. Fragt iemand, ob du diese liebest, so mustu sagen: Nein ach nein, daß du dich nicht mit ihr betrübest.
Was ihr gefället, mustu preisen und iederzeit dich so erweisen, daß du nicht ihr mögt widrig sein. Hastu von ihr was fliegen lassen, und sie befragt dich. Antwort: Nein, damit sie dich nicht möge hassen.
Spielt sie: so laß sie nicht verlieren, nur dir wil der Verlust gebühren. Dein Beutel muß stets offen sein, durch Lieben kann man wenig haben: kein Krösus wirstu werden. Nein, die Jungfern lieben Gold und Gaben.
Heist sie dich spöttlich von sich gehen, so mustu lernen Scherz verstehen, must dumm und unempfindlich sein. Auff ihr Verachten, Schimpf und Schelten mustu nicht zürnen. Nein ach nein! die Lieb′ ist sonder Stürme selten.
Der Hoffnung, Sorge, Furcht und Sehnen dürffstu dich nimmer abgewehnen, must nimmer frey und deine sein. Drumb wil ich nun vom Lieben lassen. solt‘ ich es können! Nein, ach nein! Wer kann die lieben Jungfern hassen?
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Interpretation
Das Gedicht "Die gröste Beschwerlichkeit, die Liebe" von Kaspar Stieler beschäftigt sich mit den Schwierigkeiten und Herausforderungen, die mit der Liebe einhergehen. Der Autor schildert die verschiedenen Aspekte, die das Lieben so anstrengend und kompliziert machen. Im ersten Teil des Gedichts wird deutlich, dass die Liebe oft mit Unstimmigkeiten und Missverständnissen einhergeht. Der Liebende muss sich oft anpassen und seine Meinung zurücknehmen, um Harmonie zu wahren. Der Autor betont, dass die Liebe oft zu Frustration und Verwirrung führt, da die Worte des Liebenden oft falsch interpretiert werden. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Unmöglichkeit eines ruhigen Lebens durch die Liebe hervorgehoben. Der Liebende verliert sich selbst und ist ständig in einem Zustand des inneren Konflikts. Die Unfähigkeit, die eigenen Wünsche und Gedanken auszudrücken, führt zu weiterer Frustration und Verwirrung. Im dritten Teil des Gedichts wird die körperliche und emotionale Belastung durch die Liebe thematisiert. Der Liebende leidet unter Schlaflosigkeit und ständigen Sorgen. Die Hoffnung auf Glück und Erfüllung wird enttäuscht, da die Liebe oft zu einer Qual wird. Im vierten Teil des Gedichts wird die Ausdauer und Geduld des Liebenden betont. Trotz schlechter Behandlung und Ablehnung muss der Liebende standhaft bleiben und darf keine Anzeichen von Verärgerung zeigen. Der Autor betont, dass die Liebe oft mit Enttäuschungen und Rückschlägen einhergeht. Im fünften Teil des Gedichts wird die Notwendigkeit der Anpassung an die Vorlieben und Wünsche des Geliebten hervorgehoben. Der Liebende muss sich politisch korrekt verhalten und darf keine Anzeichen von Eifersucht zeigen. Der Autor betont, dass die Liebe oft mit Kompromissen und Anpassungen einhergeht. Im sechsten Teil des Gedichts wird die finanzielle Belastung durch die Liebe thematisiert. Der Liebende muss großzügig sein und Geschenke machen, um die Gunst des Geliebten zu gewinnen. Der Autor betont, dass die Liebe oft mit finanziellen Aufwendungen einhergeht und Reichtum nicht garantiert ist. Im siebten Teil des Gedichts wird die Notwendigkeit des Humors und der Toleranz gegenüber Spott und Hänselei betont. Der Liebende muss lernen, mit Kritik und Herabsetzung umzugehen und darf keine Anzeichen von Ärger zeigen. Der Autor betont, dass die Liebe oft mit Konflikten und Spannungen einhergeht. Im achten Teil des Gedichts wird die Unfähigkeit, sich von der Liebe zu lösen, thematisiert. Der Liebende ist ständig von Hoffnung, Sorge und Sehnsucht erfüllt und kann sich nie wirklich frei fühlen. Der Autor betont, dass die Liebe oft eine Art Sucht ist, der man nur schwer entkommen kann. Im neunten Teil des Gedichts wird die Ambivalenz der Liebe deutlich. Obwohl der Autor die Schwierigkeiten und Belastungen der Liebe erkennt, gesteht er auch zu, dass es unmöglich ist, die Liebe vollständig aufzugeben. Der Autor betont, dass die Liebe trotz aller Widrigkeiten eine unwiderstehliche Anziehungskraft hat und dass es schwer ist, die Geliebte zu hassen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Tag vergeht in Noth und Plagen
- Antithese
- Mit Lieben ist es so beschaffen: du must dich offters lassen straffen, dein Ernst muß Spott und Tohrheit sein.
- Chiasmus
- Du must dich so, bald anders stellen.
- Hyperbel
- so muß es sein der Schlund der Höllen.
- Metapher
- die Lieb′ ist dir ein Marterleben.
- Paradox
- must lebend-todt, todt-lebend sein.
- Personifikation
- Hört sie dich an mit tauben Ohren
- Rhetorische Frage
- solt‘ ich es können! Nein, ach nein! Wer kann die lieben Jungfern hassen?