Die Grippe und die Menschen

Unbekannt

1920

(1920)

Als Würger zieht im Land herum Mit Trommel und mit Hippe, Mit schauerlichem Bum, bum, bumm, Tief schwarz verhüllt die Grippe.

Sie kehrt in jedem Hause ein und schneidet volle Garben - Viel rosenrote Jungfräulein Und kecke Burschen starben.

Es schrie das Volk in seiner Not Laut auf zu den Behörden: “Was wartet Ihr? Schützt uns vorm Tod - Was soll aus uns noch werden?

Ihr habt die Macht und auch die Pflicht - Nun zeiget eure Grütze - Wir raten euch: Jetzt drückt euch nicht. Zu was seid ihr sonst nütze!

’s ist ein Skandal, wie man es treibt, Wo bleiben die Verbote - Man singt und tanzt, juheit und kneipt, Gibt’s nicht genug schon Tote?”

Die Landesväter rieten hier Und hin in ihrem Hirne, Wie dieser Not zu wehren wär’, Mir sorgenvoller Stirne;

Und sieh’, die Mühe ward belohnt, Ihre Denken ward gesegnet: Bald hat es, schwer und ungewohnt, Verbote nur so geregnet.

Die Grippe duckt sich tief und scheu Und wollte sacht verschwinden - Da johlte schon das Volk aufs Neu' aus hunderttausend Münden:

“Regierung, he! Bist du verrückt - Was soll das alles heißen? Was soll der Krimskrams, der uns drückt, Ihr Weisesten der Weisen?

Sind wir denn bloß zum Steuern da, Was nehmt ihr jede Freude? Und just zu Fastnachtszeiten - ha!” So gröhlt und tobt die Meute.

“Die Kirche mögt verbieten ihr, Das Singen und das Beten - Betreffs des andern lassen wir Jedoch nicht nah uns treten!

Das war es nicht, was wir gewollt, Gebt frei das Tanzen, Saufen, Sonst kommt das Volk - hört, wie es grollt, Stadtwärts in hellen Haufen!”

Die Grippe, die am letzten Loch Schon pfiff, sie blinzelt leise Und spricht: “Na, endlich - also doch!” Und lacht auf häm’sche Weise.

“Ja, ja - sie bleibt doch immer gleich Die alte Menschensippe!” Sie reckt empor sich hoch und bleich Und schärft aufs Neu’ die Hippe.

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Illustration zu Die Grippe und die Menschen

Interpretation

Das Gedicht "Die Grippe und die Menschen" von Unbekannt thematisiert die Reaktion der Gesellschaft auf eine Grippewelle um 1920. Die Grippe wird als grimme Erscheinung personifiziert, die durch die Lande zieht und viele Menschenleben fordert. Die Bevölkerung fleht die Behörden an, Schutzmaßnahmen zu ergreifen und Verbote zu erlassen, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen. Die "Landesväter" kommen dieser Forderung nach und erlassen zahlreiche Verbote. Doch das Volk empört sich nun über diese Einschränkungen und fordert die Rückkehr zu Normalität und Vergnügungen wie Tanzen und Trinken. Die Grippe, am Ende ihrer Kräfte, beobachtet diese menschlichen Reaktionen mit Belustigung und zieht daraus den Schluss, dass die Menschen immer gleich bleiben - unvernünftig und eigensinnig. Sie richtet sich daraufhin wieder auf und setzt ihren tödlichen Gang fort.

Schlüsselwörter

grippe volk soll hippe bum tief not drückt

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Viel rosenrote Jungfräulein
Anapher
Und sieh', die Mühe ward belohnt, / Ihre Denken ward gesegnet
Bildsprache
Die Grippe, die am letzten Loch / Schon pfiff
Hyperbel
aus hunderttausend Münden
Ironie
Regierung, he! Bist du verrückt - / Was soll das alles heißen?
Kontrast
Die Grippe duckt sich tief und scheu / Und wollte sacht verschwinden
Metapher
Als Würger zieht im Land herum / Mit Trommel und mit Hippe
Personifikation
Mit schauerlichem Bum, bum, bumm / Tief schwarz verhüllt die Grippe
Sprachliche Bildlichkeit
Sie reckt empor sich hoch und bleich / Und schärft aufs Neu' die Hippe
Symbolik
Die Grippe als Würger mit Hippe