Die Goldgräber
1778Sie waren gezogen über das Meer, Nach Glück und Gold stand ihr Begehr, Drei wilde Gesellen, vom Wetter gebräunt, Und kannten sich wohl und waren sich freund.
Sie hatten gegraben Tag und Nacht, Am Flusse die Grube, im Berge den Schacht, In Sonnengluten und Regengebraus Bei Durst und Hunger hielten sie aus.
Und endlich, endlich, nach Monden voll Schweiß, Da sahn aus der Tiefe sie winken den Preis, Da glüht es sie an durch das Dunkel so hold, Mit Blicken der Schlange, das feurige Gold.
Sie brachen es los aus dem finsteren Raum, Und als sie’s fassten, sie hoben es kaum, Und als sie’s wogen, sie jauchzten zugleich: “Nun sind wir geborgen, nun sind wir reich!”
Sie lachten und kreischten mit jubelndem Schall, Sie tanzten im Kreis um das blanke Metall, Und hätte der Stolz nicht bezähmt ihr Gelüst, Sie hätten’s mit brünstiger Lippe geküsst.
Sprach Tom, der Jäger: “Nun lasst uns ruhn! Zeit ist’s, auf das Mühsal uns gütlich zu tun. Geh, Sam, und hol’ uns Speisen und Wein, Ein lustiges Fest muss gefeiert sein.”
Wie trunken schlenderte Sam dahin Zum Flecken hinab mit verzaubertem Sinn; Sein Haupt umnebelnd beschlichen ihn sacht Gedanken, wie er sie nimmer gedacht.
Die andern saßen am Bergeshang, Sie prüften das Erz, und es blitzt’ und es klang. Sprach Will, der Rote: “Das Gold ist fein; Nur schade, dass wir es teilen zu drein!”
“Du meinst?” - “Je nun, ich meine nur so. Zwei würden des Schatzes besser froh” - “Doch wenn -” - “Wenn was?” - “Nun, nehmen wir an, Sam wäre nicht da” - “Ja, freilich, dann - -”
Sie schwiegen lang; die Sonne glomm Und gleißt’ um das Gold; da murmelte Tom: “Siehst du die Schlucht dort unten?” - “Warum?” - “Ihr Schatten ist tief, und die Felsen sind stumm.” -
“Versteh’ ich dich recht?” - “Was fragst du noch viel! Wir dachten es beide und führen’s ans Ziel. Ein tüchtiger Stoß und ein Grab im Gestein, So ist es getan, und wir teilen allein.”
Sie schwiegen aufs neu’. Es verglühte der Tag, Wie Blut auf dem Golde das Spätrot lag; Da kam er zurück, ihr junger Genoss, Von bleicher Stirne der Schweiß ihm floss.
“Nun her mit dem Korb und dem bauchigen Krug!” Und sie aßen und tranken mit tiefem Zug. “Hei lustig, Bruder! Dein Wein ist stark; Er rollt wie Feuer durch Bein und Mark.
Komm, tu uns Bescheid!” - “Ich trank schon vorher; Nun sind vom Schlafe die Augen mir schwer. Ich streck’ ins Geklüft mich.” - “Nun, gute Ruh’! Und nimm den Stoß und den dazu!”
Sie trafen ihn mit den Messern gut; Er schwankt’ und glitt im rauchenden Blut. Noch einmal hub er sein blass Gesicht: “Herr Gott im Himmel, du hältst Gericht!
Wohl um das Gold erschluget ihr mich; Weh euch! Ihr seid verloren wie ich. Auch ich, ich wollte den Schatz allein Und mischt’ euch tödliches Gift an den Wein.”
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Interpretation
Das Gedicht "Die Goldgräber" von Emmanuel Geibel erzählt die tragische Geschichte dreier Goldsucher, deren Gier nach Reichtum zu Verrat und Mord führt. Die Männer, zunächst durch Freundschaft verbunden, graben unermüdlich nach Gold, getrieben von Durst und Hunger. Als sie schließlich fündig werden und den Schatz bergen, verwandelt sich ihre Freude in Habgier, und sie beschließen, ihren dritten Gefährten Sam zu ermorden, um den Schatz unter sich aufteilen zu können. Die Interpretation des Gedichts verdeutlicht die zerstörerische Kraft der Gier und wie sie selbst die stärksten Bande der Freundschaft zerreißt. Die Goldsucher, die einst "vom Wetter gebräunt" und "sich freund" waren, werden zu kaltblütigen Mördern, die ihren Kameraden aus dem Hinterhalt überfallen. Die Ironie des Schicksals zeigt sich darin, dass Sam, der eigentlich nur schlafen wollte, das Gift selbst in den Wein gemischt hatte, um die anderen auszutricksen und den Schatz allein zu besitzen. Am Ende des Gedichts stehen die beiden verbliebenen Goldsucher vor der grausamen Erkenntnis, dass sie nicht nur ihren Freund getötet, sondern auch selbst dem Gift zum Opfer gefallen sind. Die letzte Strophe verdeutlicht die göttliche Gerechtigkeit, die über den gierigen Männern waltet, und die unausweichliche Strafe für ihre Taten. Das Gedicht dient als warnende Erzählung vor den Gefahren der Habgier und den Konsequenzen, die aus dem Verrat an Freunden entstehen können.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Sie waren gezogen über das Meer
- Anapher
- Sie hatten gegraben Tag und Nacht
- Bildsprache
- Mit Blicken der Schlange, das feurige Gold
- Enjambement
- Sie brachen es los aus dem finsteren Raum, Und als sie's fassten, sie hoben es kaum
- Hyperbel
- Er rollt wie Feuer durch Bein und Mark
- Ironie
- Und nimm den Stoß und den dazu!
- Metapher
- Wie Blut auf dem Golde das Spätrot lag
- Personifikation
- Und kannten sich wohl und waren sich freund
- Reim
- Sinn; Die andern saßen am Bergeshang
- Symbolik
- das feurige Gold
- Vergleich
- Wie Blut auf dem Golde das Spätrot lag