Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, ,

Die Gleichheit

Von

Ich weiß nicht, was ich soll; es ist mir alles ein:
Ort, Unort, Ewigkeit, Zeit, Nacht, Tag, Freud und Pein.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Die Gleichheit von Angelus Silesius

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Die Gleichheit“ von Angelus Silesius präsentiert eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Konzept der Einheit und der Auflösung von Gegensätzen. Die knappe Form des zwei-zeiligen Gedichts ist bezeichnend für die radikale Reduktion, die in der Mystik oft Anwendung findet. Es geht um die Erfahrung einer Einheit, in der alle dualistischen Gegensätze aufgehoben werden.

Der erste Vers „Ich weiß nicht, was ich soll; es ist mir alles ein:“ deutet auf einen Zustand der Erkenntnis hin, in dem das Ich seine Orientierung verloren hat, weil alle Kategorien verschwimmen. Das „Ich“ befindet sich in einem Zustand der Nicht-Unterscheidung, in dem die Trennung zwischen Subjekt und Objekt aufgehoben ist. Dieser Zustand der „Gleichheit“ ist jedoch nicht als Gleichgültigkeit oder Beliebigkeit zu verstehen, sondern als eine tiefere Erfahrung der Einheit, in der die Vielheit in einer einzigen Wirklichkeit aufgeht. Das „Ich“ scheint hier nicht mehr in der Lage zu sein, zu unterscheiden, was letztendlich auf eine Transzendenz der eigenen Wahrnehmung hinausläuft.

Der zweite Vers „Ort, Unort, Ewigkeit, Zeit, Nacht, Tag, Freud und Pein“ konkretisiert die Auflösung der Gegensätze. Silesius zählt eine Reihe von Begriffen auf, die üblicherweise als Gegensätze wahrgenommen werden, wie „Ort“ und „Unort“, „Ewigkeit“ und „Zeit“, „Nacht“ und „Tag“, sowie „Freud“ und „Pein“. Durch die Aufzählung dieser Begriffe wird die Allumfassendheit der Erfahrung der Einheit betont. Alle Gegensätze werden aufgehoben und verschmelzen in einem Zustand der Gleichheit. Die Auflösung der Gegensätze ist in der mystischen Tradition oft ein Weg zur Erleuchtung, der über die Begrenzungen des Verstandes hinausgeht.

Das Gedicht ist ein Ausdruck des mystischen Denkens, das die Einheit der Dinge betont und die Trennung zwischen Geist und Materie, Gut und Böse, Freude und Leid aufhebt. Es erinnert an die Lehre des Advaita Vedanta, in der das individuelle Selbst (Atman) mit dem universellen Selbst (Brahman) identisch ist. Silesius’ Gedicht lädt dazu ein, die konventionellen Grenzen unserer Wahrnehmung zu überwinden und eine tiefere Einheit in der Welt zu erkennen. Die Kürze des Gedichts unterstreicht die Radikalität dieser Erfahrung: Alles ist eins, und das „Ich“ erfährt diese Einheit unmittelbar.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.