Die Gezeichneten
1929Auf ihrem Haupt stand früh der Stern, vergilbt und äschern; Aber dann blieb durch Jahre alles ungeschehn. Fast schon glichen sie Jenen, die unter Sonnen gehn. Nur daß manchmal die Angst - wie Angst vor Häschern Dem Fliehenden - an ihre Ferse sprang…
Nicht damals doch. Der träumte hin ins Blau. Auch Einer, tief gebogen, noch vom Tau Der Fron die Stirn beglänzt. Ein Mädchen sang Ein leises Lied aus kaum entblößtem Munde -
Da war es: Dolch. Den griff die Flamme. Brannte Vertraut im Kind das Gift. Und jeder kannte Das Seine tiefst sich eigen. Schrie nur auf: Die Stunde!
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Die Gezeichneten" von Maria Luise Weissmann handelt von Menschen, die von einem frühen Schicksalsschlag gezeichnet sind. Der "Stern" auf ihrem Haupt ist vergilbt und äschern, ein Symbol für ein verblasstes Leben. Trotzdem scheinen sie zunächst unbeschwert durchs Leben zu gehen, wie alle anderen auch. Doch immer wieder überfällt sie eine diffuse Angst, die sie an den Rand des Flüchtigen drängt. Erst später, in einem Moment der Ahnungslosigkeit, bricht das Schicksal über sie herein. Während ein Mann in den Tag hineinträumt und ein Mädchen ein leises Lied singt, wird ein Dolch gezogen. Die Flamme der Leidenschaft entfacht das Gift im Kind. Jeder muss nun sein eigenes Schicksal erkennen und annehmen. Der Schrei nach der Stunde, dem Zeitpunkt des Schicksalsschlags, ist der einzige Ausdruck des Schmerzes und der Verzweiflung. Das Gedicht beschreibt auf eindringliche Weise den Prozess des Erwachsenwerdens und der Konfrontation mit dem eigenen Schicksal. Die anfängliche Ahnungslosigkeit weicht der Erkenntnis der eigenen Verletzlichkeit und der Notwendigkeit, das eigene Schicksal anzunehmen, auch wenn es schmerzhaft ist. Der Schrei nach der Stunde ist der letzte Ausdruck des Schmerzes, bevor man sich dem Schicksal fügt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Vertraut im Kind das Gift
- Bildsprache
- Auch Einer, tief gebogen, noch vom Tau Der Fron die Stirn beglänzt
- Hyperbel
- Und jeder kannte Das Seine tiefst sich eigen
- Metapher
- Auf ihrem Haupt stand früh der Stern, vergilbt und äschern
- Personifikation
- Da war es: Dolch. Den griff die Flamme. Brannte
- Vergleich
- Nicht damals doch. Der träumte hin ins Blau