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Die getrennten Geschwister

Von

Man bleibt ein Unikum: das ist nun so
Auf diesen schweigsam bunten Lebensfahrten;
Doch Brüder, Schwestern hätt‘ ein jeder wo,
Wenn er nur wüßte, wo sie auf ihn warten,

Die Brüder, die, von gleicher Kraft gezeugt,
Sein Sinnen lassen und verstehn sein Ringen,
Die Schwester, die, an gleicher Brust gesäugt,
Sein bestes Fühlen hegen und beschwingen!

Man ahnt sie, sucht sie, sucht gar sehnsuchtsvoll –
Auch jene suchen, ebenso vergebens,
Bis man, vor Qual und vor Verlangen toll,
Blindlings hineingreift ins Gewirr des Lebens:

Bis man sich bindet mit manch zäher Schnur
An Leute viel entfernterer Verwandtschaft –
Dann darbt man, und verdorrt; und alles nur
Aus „Mangel an entsprechender Bekanntschaft.“

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Gedicht: Die getrennten Geschwister von Hanns von Gumppenberg

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Die getrennten Geschwister“ von Hanns von Gumppenberg thematisiert die Suche nach Seelenverwandtschaft und das Gefühl der Entfremdung in der menschlichen Existenz. Der Dichter beschreibt die Erfahrung, ein „Unikum“ zu sein, ein Individuum, das sich allein auf den Lebensfahrten befindet, obwohl die Sehnsucht nach Brüdern und Schwestern, nach Menschen, die einen verstehen und mit denen man tief verbunden ist, allgegenwärtig ist. Der erste Vers etabliert diese Isolation, während die folgenden Strophen die Gründe für dieses Gefühl der Einsamkeit und die verzweifelte Suche nach Zugehörigkeit darlegen.

Die zweite Strophe zeichnet ein Bild von idealen Geschwistern: Menschen, die durch gleiche Kraft gezeugt wurden und dadurch das Denken und Streben des lyrischen Ichs verstehen, sowie Schwestern, die durch gleiche Erfahrung verbunden sind und die tiefsten Gefühle des Ichs nähren und beflügeln. Diese Verse drücken eine tiefe Sehnsucht nach Verbundenheit und nach Menschen aus, die einen ohne Worte verstehen, mit denen man eine tiefe emotionale Resonanz teilt. Die Beschreibung dieser idealen Beziehungen verstärkt das Gefühl der Leere und des Mangels in der aktuellen Lebenssituation des lyrischen Ichs.

Die dritte Strophe beschreibt die vergeblichen Bemühungen, diese idealen Geschwister zu finden. Das Suchen wird als sehnsuchtsvoll und gleichzeitig vergeblich charakterisiert. Die Blindheit, mit der man ins „Gewirr des Lebens“ greift, deutet auf Verzweiflung und das Fehlen einer klaren Richtung hin. Der Verweis auf das „Bindenn mit manch zäher Schnur“ in der vierten Strophe verdeutlicht die Konsequenz dieser Suche: Man begnügt sich mit Beziehungen, die nicht die ersehnte tiefe Verbundenheit bieten und die letztlich zu einem Zustand des Darbens und Verdorrens führen.

Die abschließenden Verse, „Dann darbt man, und verdorrt; und alles nur / Aus ‚Mangel an entsprechender Bekanntschaft'“, stellen die Ursache für das Gefühl der Isolation und des Leidens klar: Es ist der Mangel an Menschen, die einem wirklich entsprechen, die die gleichen Werte teilen und mit denen man eine tiefe emotionale Bindung aufbauen kann. Das Gedicht ist eine melancholische Reflexion über die Schwierigkeit, wahre Verbundenheit zu finden, und die Konsequenzen, die aus dem Fehlen dieser tiefen menschlichen Beziehungen resultieren. Es betont die Bedeutung von authentischer Zugehörigkeit und die Gefahr, sich mit oberflächlichen Beziehungen zu begnügen, die letztlich nicht erfüllend sind.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.