Die getrennten Geschwister
1928Man bleibt ein Unikum: das ist nun so Auf diesen schweigsam bunten Lebensfahrten; Doch Brüder, Schwestern hätt’ ein jeder wo, Wenn er nur wüßte, wo sie auf ihn warten,
Die Brüder, die, von gleicher Kraft gezeugt, Sein Sinnen lassen und verstehn sein Ringen, Die Schwester, die, an gleicher Brust gesäugt, Sein bestes Fühlen hegen und beschwingen!
Man ahnt sie, sucht sie, sucht gar sehnsuchtsvoll - Auch jene suchen, ebenso vergebens, Bis man, vor Qual und vor Verlangen toll, Blindlings hineingreift ins Gewirr des Lebens:
Bis man sich bindet mit manch zäher Schnur An Leute viel entfernterer Verwandtschaft - Dann darbt man, und verdorrt; und alles nur Aus “Mangel an entsprechender Bekanntschaft.”
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Interpretation
Das Gedicht "Die getrennten Geschwister" von Hanns von Gumppenberg beschäftigt sich mit dem menschlichen Verlangen nach geistiger und emotionaler Verbundenheit. Es geht um die Suche nach Menschen, die einem auf einer tieferen Ebene verstehen und mit denen man sich auf einer Seelenebene verbunden fühlt. Der Sprecher betont, dass jeder Mensch ein Unikum ist, einzigartig auf seinem Lebensweg. Dennoch sehnt er sich nach Geschwistern im übertragenen Sinn, nach Menschen, die seine Gedanken und Gefühle teilen. Diese "Brüder" und "Schwestern" sind charakterisiert durch ihre Fähigkeit, das Denken und Fühlen des Sprechers nachzuvollziehen und zu unterstützen. Das Gedicht beschreibt die fruchtlose Suche nach diesen idealen Gefährten. Sowohl der Sprecher als auch die vermeintlichen Geschwister suchen vergeblich nach einander. In der Verzweiflung greift der Mensch dann blind in das "Gewirr des Lebens" und bindet sich an Menschen, die ihm zwar äußerlich nahestehen, aber nicht die ersehnte geistige Verbundenheit bieten können. Dies führt zu einem Gefühl des "Darbens" und "Verdorrens" aus "Mangel an entsprechender Bekanntschaft".
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- an gleicher Brust gesäugt
- Hyperbel
- vor Qual und vor Verlangen toll
- Ironie
- Mangel an entsprechender Bekanntschaft
- Metapher
- mit manch zäher Schnur
- Personifikation
- Das Leben als 'Gewirr des Lebens'