Die Geständnisse

Hugo von Hofmannsthal

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ER:

Nur dieses kannt ich über mir: Gebot Der Sterne hehr und klar, und aus der Ferne Der Väter Stimmen, strenger als die Sterne, Drei: Dienen, Tragen, Stehn, die drei sind not.

Da spannte sichs in mir und hielt dem Stand: Jung setzt ich über mich ein strenges Tun Und war mein Herr und ließ mein Herz ausruhn Auf Gott, und auf dem Degen meine Hand.

Nun kam dies, das mich aus mir selber hetzt, Wild durch mich hinreißt, mich in Staub zu schmiegen, Mich jauchzend zu entmannen sich ergetzt.

Zergehen muß ich, denn ich kann nicht fliehen! Wär ich ein Mann, wenn ich im Unterliegen Nicht noch mich sträubte, ja noch auf den Knieen?

SIE:

Wär ich denn eine Frau, wenn ich dich bände Und nicht mit dir an gleicher Kette ginge Und nur, damit nicht klirren ihre Ringe, Den Fuß kaum regen darf und kaum die Hände?

Auch mich bezwingts und bringt mich bis ans Ende, Ich steh in Feur und spürs mit grausem Staunen, Doch alle Lüsternheit und niedre Launen Verbrennen diese reinigenden Brände.

Du siehst mich fahren, bangest ungeheuer Und willst mir nach und stürzest dich hinüber Weißt du denn nicht - du bist ja selbst mein Steuer!

Die Schwinge du, mit der mein Ich entschwebt, Die Klaue du, die mich in Lüfte hebt -: Ich lieb dich ja von Anbeginn, du Lieber!

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Illustration zu Die Geständnisse

Interpretation

Das Gedicht "Die Geständnisse" von Hugo von Hofmannsthal thematisiert einen inneren Konflikt zwischen Pflichtbewusstsein und leidenschaftlicher Liebe. Der männliche Sprecher, ER, ist zunächst von strengen Idealen geleitet, die ihm von den Sternen und den Stimmen der Väter eingegeben wurden: Dienen, Tragen, Stehn. Er versucht, diesen Idealen zu entsprechen, indem er ein strenges Tun über sich setzt und sich auf Gott und den Degen stützt. Doch dann tritt eine überwältigende Leidenschaft in sein Leben, die ihn aus sich selbst hetzt und ihn zu Fall bringen will. Trotz der drohenden Niederlage sträubt er sich noch auf den Knien. Die weibliche Sprecherin, SIE, antwortet auf die Zweifel des Mannes, ob sie eine echte Frau sei, wenn sie ihn binde und mit ihm an gleicher Kette ginge. Sie gesteht, dass auch sie von dieser Leidenschaft bezwingt wird und bis an ihr Ende gebracht wird. Doch sie sieht in dieser überwältigenden Kraft auch eine reinigende Wirkung, die alle niederen Triebe verbrennt. Sie bittet ihn, nicht zu fürchten, sondern zu ihr zu kommen, denn er selbst ist ihr Steuer und die Schwinge, mit der ihr Ich entschwebt. Am Ende gesteht sie ihre Liebe zu ihm von Anbeginn an.

Schlüsselwörter

sterne drei wär kaum kannt gebot hehr klar

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Stilmittel

Anapher
Dienen, Tragen, Stehn, die drei sind not.
Hyperbel
Ich steh in Feur
Metapher
Ich lieb dich ja von Anbeginn, du Lieber
Personifikation
alle Lüsternheit und niedre Launen Verbrennen diese reinigenden Brände
Rhetorische Frage
Weißt du denn nicht - du bist ja selbst mein Steuer!