Die Geschlechter
1805Sieh in dem zarten Kind zwei liebliche Blumen vereinigt, Jungfrau und Jüngling, sie deckt beide die Knospe noch zu. Liese löst sich das Band, es entzweien sich zart die Naturen, Und von der holden Scham trennet sich feurig die Kraft. Gönne dem Knaben zu spielen, in wilder Begierde zu toben; Nur die gesättigte Kraft kehret zur Anmut zurück. Aus der Knospe beginnt die doppelte Blume zu streben, Köstlich ist jede, doch stillt keine dein sehnendes Herz. Reizende Fülle schwellt der Jungfrau blühende Glieder, Aber der Stolz bewacht streng, wie der Gürtel, den Reiz. Scheu, wie das zitternde Reh, das ihr Horn durch die Wälder verfolget, Flieht sie im Mann nur den Feind, hasset noch, weil sie nicht liebt. Trotzig schauet und kühn aus finstern Wimpern der Jüngling, Und, gehärtet zum Kampf, spannet die Sehen sich an. Fern in der Speere Gewühl und auf die stäubende Rennbahn Ruft ihn der lockende Ruhm, reißt ihn der brausende Mut. Jetzt beschütze dein Werk, Natur! Auseinander auf immer Fliehet, wenn du nicht vereinst, feindlich, was ewig sich sucht. Aber da bist du, du Mächtige, schon: Aus dem wildesten Streite Rufst du der Harmonie göttlichen frieden hervor. Tief verstummet die lärmende Jagd, des rauschenden Tages Tosen verhallet, und leis sinken die Sterne herab. Seufzend flüstert das Rohr, sanft murmelnd gleiten die Bäche, Und mit melodischem Lied füllt Philomela den Hain. Was erreget zu Seufzern der Jungfrau steigenden Busen? Jüngling, was füllet den Blick schwellend mit Tränen dir an? Ach, sie suchet umsonst, was sie sanft anschmiegend umfasse, Und die schwellende Frucht beuget zur Erde die Last. Ruhelos strebend verzehrt sich in eigenen Flammen der Jüngling, Ach, der brennenden Glut wehet kein lindernder Hauch. Siehe, da finden sie sich, es führet sie Amor zusammen, Und dem geflügelten Gott folgt der geflügelte Sieg, Göttliche Liebe, du bist′s, die der Menschheit Blumen vereinigt! Ewig getrennt, sind sie doch ewig verbunden durch dich.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Geschlechter" von Friedrich von Schiller beschreibt die Entwicklung und die Beziehung zwischen den Geschlechtern. Es beginnt mit der Kindheit, in der Jungfrau und Jüngling noch vereint sind, und beschreibt dann die Trennung der Naturen, wobei die Jungfrau zur Anmut und der Jüngling zur Kraft tendiert. Die beiden Geschlechter entwickeln sich unterschiedlich, wobei die Jungfrau schüchtern und der Jüngling mutig und kampfbereit wird. Das Gedicht betont die Notwendigkeit der Vereinigung der Geschlechter durch die göttliche Liebe. Es beschreibt, wie die Natur die beiden Geschlechter auseinander treibt, aber die Liebe sie wieder zusammenführt. Die letzten Strophen des Gedichts beschreiben die Sehnsucht und das Verlangen, das beide Geschlechter nach dem anderen empfinden, und wie die Liebe sie schließlich vereint. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass die göttliche Liebe die Blumen der Menschheit ewig verbindet, obwohl sie getrennt sind.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Fern in der Speere Gewühl und auf die stäubende Rennbahn
- Anapher
- Jüngling, was füllet den Blick schwellend mit Tränen dir an?
- Bildsprache
- Tief verstummet die lärmende Jagd, des rauschenden Tages Tosen verhallet, und leis sinken die Sterne herab
- Hyperbel
- Und dem geflügelten Gott folgt der geflügelte Sieg
- Kontrast
- Reizende Fülle schwellt der Jungfrau blühende Glieder, Aber der Stolz bewacht streng, wie der Gürtel, den Reiz
- Metapher
- Sieh in dem zarten Kind zwei liebliche Blumen vereinigt
- Oxymoron
- Ewig getrennt, sind sie doch ewig verbunden durch dich
- Personifikation
- Und, gehärtet zum Kampf, spannet die Sehen sich an
- Symbolik
- Natur! Auseinander auf immer Fliehet, wenn du nicht vereinst, feindlich, was ewig sich sucht
- Vergleich
- Scheu, wie das zitternde Reh, das ihr Horn durch die Wälder verfolget