Die geschiedene Frau

Kurt Tucholsky

1931

Ja… da wär nun also wieder einer… das ist komisch! Vor fünf Jahren, da war meiner; dann war eine ganze Weile keiner… Und jetzt geht ein Mann in meiner Wohnung um, findet manches, was ich sage, dumm; lobt und tadelt, spricht vom Daseinszwecke und macht auf das Tischtuch Kaffeeflecke - Ist das alles nötig -?

Ja… er sorgt. Und liebt. Und ist’s ein trüber Morgen, reich ich meine Hand hinüber… Das ist komisch: Männer… so in allen ihren Posen… Und frühmorgens, in den Unterhosen… Plötzlich wohnt da einer auch in meiner Seele. Quält mich; liebt mich; will, dass ich ihn quäle; dreht mein Leben anders, lastet, lässt mich fliegen - siegt, und weil ich klug bin, lass ich mich besiegen… Habe ich das nötig -?

Ich war ausgeglichen. Bleiben wir allein, … komisch… sind wir stolz. So sollt es immer sein! Flackerts aber, knistern kleine Flammen, fällt das alles jäh in sich zusammen. Er braucht uns. Und wir, wir brauchen ihn. Liebe ist: Erfüllung, Last und Medizin. Denn ein Mann ist Mann und Gott und Kind, weil wir so sehr Hälfte sind. Aber das ist schließlich überall: der erste Mann ist stets ein Unglücksfall. Die wahre Erkenntnis liegt unbestritten etwa zwischen dem zweiten und dem dritten. Dann weißt du. Vom Wissen wird man nicht satt, aber notdürftig zufrieden, mit dem, was man hat, Amen.

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Illustration zu Die geschiedene Frau

Interpretation

Das Gedicht "Die geschiedene Frau" von Kurt Tucholsky beschreibt die ambivalente Beziehung einer geschiedenen Frau zu ihrem neuen Partner. Es thematisiert die Vor- und Nachteile einer erneuten Partnerschaft nach einer gescheiterten Ehe. Die Frau ist zunächst überrascht und irritiert von der Anwesenheit des neuen Mannes in ihrer Wohnung. Sie findet ihn manchmal dumm und kritisiert seine Macken wie Kaffeeflecke auf dem Tischtuch. Gleichzeitig spürt sie aber auch seine Fürsorge und Zuneigung, was sie verwirrt. Im Verlauf des Gedichts wird deutlich, dass die Frau trotz ihrer anfänglichen Vorbehalte eine tiefe emotionale Bindung zu dem Mann aufbaut. Sie lässt sich auf die Beziehung ein, auch wenn sie sich dadurch verwundbar macht. Die Liebe wird als erfüllend aber auch belastend beschrieben. Im letzten Teil reflektiert die Frau über die Erfahrungen früherer Beziehungen. Sie kommt zu dem Schluss, dass die wahre Erkenntnis über die Liebe erst zwischen der zweiten und dritten Partnerschaft kommt. Mit dieser Erkenntnis kann sie sich dann auf die neue Beziehung einlassen, auch wenn sie nicht perfekt ist.

Schlüsselwörter

mann komisch nötig liebt wär also fünf jahren

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Stilmittel

Alliteration
Männer... so in allen ihren Posen...
Anapher
Ja... da wär nun also wieder einer... das ist komisch! Vor fünf Jahren, da war meiner; dann war eine ganze Weile keiner...
Enjambement
Und liebt. Und ist's ein trüber Morgen, reich ich meine Hand hinüber...
Ironie
Die wahre Erkenntnis liegt unbestritten etwa zwischen dem zweiten und dem dritten.
Metapher
Plötzlich wohnt da einer auch in meiner Seele.
Personifikation
Liebe ist: Erfüllung, Last und Medizin.
Rhetorische Frage
Ist das alles nötig -?