Die Gesänge
1810Wo man singet, laß dich ruhig nieder, Ohne Furcht, was man im Lande glaubt; Wo man singet wird kein Mensch beraubt: Bösewichter haben keine Lieder.
Wenn die Seele tief in Gram und Kummer, Ohne Freunde, stumm, verlassen, liegt, Weckt ein Ton, der sich elastisch wiegt, Magisch sie aus ihrem Todesschlummer.
Wer sich nicht auf Melodienwogen Von dem Trosse des Planeten hebt Und hinüber zu den Geistern lebt, Ist um seine Seligkeit betrogen.
Männer gibt es, die den Geist verhöhnen, Sich hinab zu den Polypen ziehn; Und dort stehn sie, wenn sie nicht entglühn In des Seelenliedes Silbertönen.
Göttliche Begeisterer, Gesänge, Weckt in euerm Labyrinthenlauf Oft in mir mir meinen Himmel auf; Gern verlier’ ich dann mich in der Menge.
Mit Gesange weiht dem schöne Leben Jede Mutter ihren Liebling ein, Trägt ihn lächelnd durch den Mayenhain, Ihm das schönste Wiegenlied zu geben.
Mit Gesängen eilet in dem Lenze Rasch der Knabe von des Meisters Hand, Und die Schwester flicht am Wiesenrand Mit Gesang dem Gaukler Blumenkränze.
Mit Gesange spricht des Jünglings Liebe, Was in Worten unaussprechlich war; Und der Freundin Herz wird offenbar Im Gesange, den kein Dichter schriebe.
Männer hangen an der Jungfrau Blicken; Aber wenn ein himmlischer Gesang Seelenvoll der Zauberin gelang, Strömt aus ihrem Strahlenkreis Entzücken.
Orpheus alte Zauberlieder machten Wilde milde; durch Amphions Laut Wurden Kadmus Mauern aufgebaut; Mit Gesang gewann Tyrtäus Schlachten.
Mit dem Liede, das die Weisen sannen, Sitzen Greise froh vor ihrer Thür, Fürchten weder Bonzen noch Vezier; Vor dem Liede beben die Tyrannen.
Mit dem Liede greift der Mann zum Schwerte, Wenn es Freyheit gilt, und Fug, und Recht, Steht und trotzt dem eisernen Geschlecht, Und begräbt sich dann im eignen Werthe.
Wenn der Becher mit dem Traubenblute Unter Rosen unsre Stunden kürzt, Und die Weisheit unsre Freuden würzt, Macht ein Lied den Wein zum Göttergute.
Harmonie ist aller Welten Jugend; Dem berauschten Weisheitsforscher heißt Harmonie des Menschen hehrer Geist, Harmonie dem Samier die Tugend.
Das Geheimniß, daß sie alle Geister Mächtig fort auf ihren Schwingen trägt Und in Gottes Schoose niederlegt, Löset nur der große Weltenmeister.
Stürmend fliegt der Blick im hohen Liede Durch der Orione Feuerbahn; Sanfte Laute wehn uns lieblich an, Und um unsre Stirne säuselt Friede.
Des Gesanges Seelenleitung bringet Jede Last der Arbeit schneller heim, Mächtig vorwärts jeder Tugend Keim: Weh dem Lande, wo man nicht mehr singet.
Selbst die Rotte schrecklicher Dämonen, Die im Sturme von dem Himmel fiel, Glaubet bey der Hölle Saitenspiel, Fromm getäuscht, noch in dem Licht zu wohnen.
Männer des Gesanges, eure Seelen Ziehn den Himmel oft zu uns herab: Wer, wem Gott nicht seinen Funken gab, Kann den Segen eurer Schöpfung zählen.
Höher wird des Urgeists Macht und Ehre, Die den Welten ihre Bahnen schmückt, In dem Endlichen nicht ausgedrückt, Als in euerm Harmonienmeere.
Männer, nehmt den Dank, den ihr erworben, Für die Seligkeiten, die ihr schuft: Wen nicht ihr zu seiner Würde ruft, Ist für alle Tugenden erstorben.
Lieder spielen, wie mit Wachs, mit Herzen; Rührt der Sänger nur den rechten Ton, Schnell ist alle Seelenangst entflohn, Schweigen Stürme und entschlummern Schmerzen.
Lieder sind in jener Strahlenwohnung, Wo der Blick ins Empyreum taucht Und das Licht der Geister Leben haucht, Der verklärten Heiligen Belohnung.
Wenn die Sprache stirbt von meinem Munde Und der Schauer mein Gebein durchläuft, Und mit Eisenarm der Tod mich greift; Singt ein Lied zu meiner schönen Stunde!
Mit geprüfter Seelenweisheit haben Unsre Väter längst für uns gedacht, Lassen mit Gesang zur guten Nacht Für den bessern Morgen uns begraben.
Täuscht uns nicht ein Ton aus jenen Chören, Werden wir dann unter Sphärentanz Mit dem Lichtblick durch die Sonnen ganz Dort den großen Musageten hören.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Gesänge" von Johann Gottfried Seume preist die transformative Kraft der Musik und des Gesangs. Es beginnt mit der Idee, dass Singen ein Zeichen von Gutmütigkeit und Frieden ist, da "Bösewichter keine Lieder" haben. Der Dichter beschreibt, wie Gesang selbst die tiefsten Sorgen und den Kummer lindern kann, indem er die Seele aus ihrem "Todesschlummer" erweckt. Seume betont die erhebende und erlösende Wirkung von Melodien, die den Menschen über die irdischen Fesseln hinausheben und zu den Geistern führen. Er kontrastiert dies mit jenen, die den Geist verhöhnen und sich in die Tiefen der Materie zurückziehen. Das Gedicht zeigt, wie Gesang durch alle Lebensphasen hindurch präsent ist - von der Wiege bis zum Tod - und wie er Liebe, Freundschaft und Tapferkeit inspiriert. Der Dichter erinnert an mythologische Beispiele wie Orpheus, Amphion und Tyrtäus, um die Macht des Gesangs zu illustrieren, selbst wilde Tiere zu zähmen, Städte zu bauen und Armeen zu inspirieren. Er betont, dass Lieder auch in der Politik eine Rolle spielen, indem sie Tyrannei bekämpfen und Freiheit inspirieren. Das Gedicht schließt mit der Vision, dass Gesang auch im Jenseits präsent sein wird, wo die Verstorbenen in himmlischen Chören vereint sein werden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Wer sich nicht auf Melodienwogen
- Metapher
- Dort den großen Musageten hören
- Personifikation
- Wenn die Seele tief in Gram und Kummer