Die Genesende

Rainer Maria Rilke

1875

Wie ein Singen kommt und geht in Gassen und sich nähert und sich wieder scheut, flügelschlagend, manchmal fast zu fassen und dann wieder weit hinausgestreut:

spielt mit der Genesenden das Leben; während sie, geschwächt und ausgeruht, unbeholfen, um sich hinzugeben, eine ungewohnte Geste tut.

Und sie fühlt es beinah wie Verführung, wenn die hart gewordne Hand, darin Fieber waren voller Widersinn, fernher, wie mit blühender Berührung, zu liebkosen kommt ihr hartes Kinn.

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Illustration zu Die Genesende

Interpretation

Das Gedicht "Die Genesende" von Rainer Maria Rilke handelt von einer Person, die sich von einer Krankheit erholt. Das Leben wird als etwas Vergängliches und Unberechenbares dargestellt, das sich der Genesenden nähert und wieder entfernt, ähnlich wie ein Gesang, der in den Gassen erklingt und wieder verhallt. Die Genesende ist geschwächt und unsicher in ihren Bewegungen, aber sie versucht, sich dem Leben wieder zu öffnen und sich hinzugeben. Die Berührung, die die Genesende erfährt, wird als eine Art Verführung beschrieben. Die Hand, die einst vom Fieber und den damit verbundenen Widersinnigkeiten betroffen war, kommt nun sanft und blühend ihrem Kinn entgegen. Diese Berührung symbolisiert die Wiederkehr von Zärtlichkeit und Liebe in das Leben der Genesenden. Sie markiert einen Wendepunkt in ihrem Heilungsprozess und lässt sie spüren, dass sie wieder Teil des Lebens ist. Das Gedicht vermittelt eine Stimmung der Zerbrechlichkeit und Hoffnung. Es zeigt, wie sich das Leben nach einer schweren Krankheit langsam wieder einstellt und wie die Genesende Schritt für Schritt wieder Vertrauen in sich selbst und in die Welt um sie herum gewinnt. Die Bilder von Singen, Flügelschlagen und blühender Berührung schaffen eine Atmosphäre von Leichtigkeit und Schönheit, die im Kontrast zur vorherigen Krankheit steht. Insgesamt ist "Die Genesende" ein Gedicht über die Wiederkehr des Lebens nach einer schweren Prüfung. Es beschreibt den Prozess der Heilung und die schrittweise Rückkehr in die Normalität. Die Genesende lernt, sich wieder dem Leben zu öffnen und die kleinen Freuden und Berührungen zu genießen, die sie zuvor vermisst hat. Das Gedicht vermittelt eine Botschaft der Hoffnung und der Möglichkeit, nach einer Krise wieder auf die Beine zu kommen und das Leben in vollen Zügen zu genießen.

Schlüsselwörter

kommt singen geht gassen nähert scheut flügelschlagend manchmal

Wortwolke

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Stilmittel

Bildsprache
geschwächt und ausgeruht, unbeholfen, um sich hinzugeben
Metapher
die hart gewordne Hand, darin Fieber waren voller Widersinn
Personifikation
flügelschlagend, manchmal fast zu fassen und dann wieder weit hinausgestreut
Vergleich
fernher, wie mit blühender Berührung