Die geneigten Krüge
1881Nun wir bebend die geneigten Krüge Jäh beglückter Leidenschaften sehn, Wie nun wild und wehmutsvoll die Flüge Einer Frage durch die Stunden wehn: »War dies süßer nicht, als wir noch gingen Reiner Sehnsucht priesterlich geweiht Und das Dunkle in den vielen Dingen Die Verheißung schien der letzten Lieblichkeit, Da uns, nur den Fernen hingegeben Traum ein wundersames Leben ward, Dem der Seelen schwisterliches Schweben Sich in reinem Sternenflug gepaart, Da wir träumten wie durch weiße Gärten, Deren Tempeltüren keiner fand Und noch nicht dies arme Glück begehrten, Das zerfließt in unsrer heißen Hand?« War dies süßer nicht? … Durch Liebeslüge Fühlen wir die Frage schmerzlich wehn, Nun wir bebend die geneigten Krüge Unsrer jungen Leidenschaften sehn …
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Interpretation
Das Gedicht "Die geneigten Krüge" von Stefan Zweig beschäftigt sich mit der Reflexion über vergangene Leidenschaften und die Frage nach der Intensität vergangener Gefühle im Vergleich zur Gegenwart. Die geneigten Krüge symbolisieren möglicherweise die Leidenschaften, die nun zur Neige gehen oder bereits geleert sind. Die "jungen Leidenschaften" beziehen sich auf die jugendliche Intensität und Reinheit der Gefühle, die nun einer reiferen, möglicherweise enttäuschten Sichtweise weichen. Die wiederkehrende Frage "War dies süßer nicht?" deutet auf eine Sehnsucht nach der Vergangenheit und eine Unzufriedenheit mit der Gegenwart hin. Die Vergangenheit wird als eine Zeit reiner Sehnsucht und ungetrübter Hoffnung beschrieben, in der die Zukunft voller Versprechen schien. Die "priesterliche Weihe" und der "sternenflug" verleihen diesen Erinnerungen eine fast religiöse oder mystische Qualität, die den Kontrast zur gegenwärtigen "armen Glückseligkeit" noch verstärkt. Das Gedicht endet mit der Wiederholung der Eingangssituation und der Frage, die nun "durch Liebeslüge" schmerzlich weht. Dies könnte bedeuten, dass die Erinnerung an die vergangene Intensität durch die Erkenntnis getrübt wird, dass diese Gefühle möglicherweise auf einer Täuschung oder Illusion beruhten. Die "geneigten Krüge" und die "jungen Leidenschaften" werden somit zu Symbolen für die Vergänglichkeit und die unausweichliche Enttäuschung, die mit der Zeit einhergehen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Beglückter Leidenschaften, priesterlich geweiht, schwisterliches Schweben, weiße Gärten
- Anapher
- »War dies süßer nicht, als wir noch gingen, Da uns, nur den Fernen hingegeben, Da wir träumten wie durch weiße Gärten
- Metapher
- geneigten Krüge, priesterlich geweiht, Tempeltüren, Liebeslüge
- Personifikation
- Frage durch die Stunden wehn
- Rhetorische Frage
- War dies süßer nicht?
- Symbolik
- geneigten Krüge, weiße Gärten, Tempeltüren