Die Gedanken
1788Am Albanersee
Rings von Kühlung sanft umgossen, Ruhend in des Haines Schooß, Von der heil′gen Fluth umflossen, Wieg′ ich mir Gedanken groß; Töne schweben hin und wieder In dem leichten Blätterspiel, Bilder tauchen auf und nieder Aus der Woge tief und kühl.
In der Grotte leicht umschleiert, Wo das Brünnlein perlend quillt, Weilt die Schwermuth still und feiert Ihrer Sehnsucht holdes Bild! In des hellen Aethers Räume Steigt des hehren Berges Haupt, Und jahrtausendalte Bäume Halten ihm die Stirn umlaubt.
Tief im grünen Uferkranze Ruht Albano′s dunkle Fluth, In der Wolken leichtem Tanze Schwebt des Abends Purpurgluth; Schimmer sinken leis′ hernieder In das tiefgesenkte Blau, Und auf luftigem Gefieder Trinkt die Lerche Himmelsthau.
Aus der duftumglänzten Ferne Ragt Tiburnus′ Haupt empor, Und es steigen gold′ne Sterne Aus des Meeres Schooß hervor; Dort, wo nun das Höchste trauert, Was die Zeit hervorgebracht, Sank von Wehmuth trüb umschauert Phöbos hin in Roma′s Nacht!
Steigen einst die Flammenrosse Aus Saturnus Burg herauf? Bändigt mit dem Lichtgeschosse Er der Zeiten wilden Lauf? Setzt er seinen Ahnherrn wieder Auf den alten Segensthron? Kehrt Asträa siegreich wieder, Und vertheilet Straf′ und Lohn?
Tönen frohe Hirtenflöten Wieder durch Evanders Wald? Schwebt durch stille Abendröthen Numa′s heilige Gestalt? An Camilla′s Sarkophage Trauert noch der Nymphen Lied? Und ertönt Diana′s Klage Noch um ihren Hippolyt?
Hin und wieder sanft gezogen Schwebt Mnemosyne dahin, An des alten Tibris Wogen, Mit erinn′rungsvollem Sinn; Ihres Götterbusens Fülle Schwellt der Thaten Vollerguß; Und in dieser heil′gen Stille Schöpfet ewig sie Genuß!
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Interpretation
Das Gedicht "Die Gedanken" von Friederike Sophie Christiane Brun beschreibt eine meditative und kontemplative Stimmung am Albanersee in Italien. Die Sprecherin lässt ihre Gedanken in der idyllischen Natur schweifen und imaginiert dabei verschiedene mythologische und historische Szenen. Im ersten Teil des Gedichts schildert die Sprecherin die friedliche Atmosphäre am Seeufer. Sie ist von der kühlenden Umgebung umgeben und lässt ihre Gedanken schweifen, während sie von den Klängen der Natur und den Bildern, die ihr in den Sinn kommen, inspiriert wird. Die Natur dient als Quelle der Inspiration und der Besinnung. Im zweiten Teil des Gedichts reflektiert die Sprecherin über die Vergangenheit und die antiken Mythen, die mit der Region verbunden sind. Sie imaginiert die traurige Geschichte des Phöbos (Apollo), der in die Nacht Roms gesunken ist, sowie die Frage, ob Saturnus (Saturn) jemals wiederkehren und die Zeit beherrschen wird. Die Sprecherin fragt sich auch, ob die alten Götter und Helden wie Numa, Camilla und Hippolyt noch immer präsent sind und ihre Geschichten erzählt werden. Im dritten Teil des Gedichts schwebt Mnemosyne, die Göttin der Erinnerung, auf den Wellen des Tiber dahin. Die Sprecherin imaginiert, wie Mnemosyne von der Fülle der Taten der Götter erfüllt ist und in der heiligen Stille ewigen Genuss findet. Das Gedicht endet mit einer positiven Note, die die Kraft der Erinnerung und der Kontemplation betont.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Töne schweben hin und wieder
- Hyperbel
- jahrtausendalte Bäume
- Metapher
- Schwellt der Thaten Vollerguß
- Personifikation
- Ihres Götterbusens Fülle