Die Freundschaft

Friedrich von Schiller

1782

Freund! Genügsam ist der Wesenlenker - Schämen sich kleinmeisterische Denker, Die so ängstlich nach Gesetzen spähn - Geisterreich und Körperweltgewühle Wälzet eines Rades Schwung zum Ziele; Hier sah es mein Newton gehn.

Sphären lehrt es, Sklaven eines Zaumes Um das Herz des großen Weltenraumes Labyrinthenbahnen ziehn - Geister in umarmenden Systemen Nach der großen Geistersonne strömen, Wie zum Meere Bäche fliehn.

War′s nicht dies allmächtige Getriebe, Das zum ew′gen Jubelbund der Liebe Unsre Herzen aneinander zwang? Raphael, an Deinem Arm - o Wonne, Wag′ auch ich zur großen Geistersonne Freudigmutig den Vollendungsgang.

Glücklich! Glücklich! Dich hab′ ich gefunden, Hab′ aus Millionen Dich umwunden, Und aus Millionen mein bist Du - Lass das Chaos diese Welt umrütteln; Durcheinander die Atome schütteln; Ewig fliehn sich unsre Herzen zu.

Muss ich nicht aus Deinen Flammenaugen Meiner Wolllust wieder strahlen sangen? Nur in Dir bestaun′ ich mich - Schöner malt sich mir die schöne Erde, Heller spiegelt in des Freunds Gebärde, Reizender der Himmel sich.

Schwermut wirft die bangen Tränenlasten, Süßer von des Leidens Sturm zu rasten, In der Liebe Busen ab; - Sucht nicht selbst das folternde Entzücken In des Freunds beredeten Strahlenblicken Ungeduldig ein wolllüst′ges Grab?

Stünd′ im All der Schöpfung ich alleine, Seelen träumt′ ich in die Felsensteine, Und umarmend küsst′ ich sie - Meine Klagen stöhnt′ ich in die Lüfte, Freute mich, antworteten die Klüfte, Tor genug! Der süßen Sympathie.

Tote Gruppen sind wir - wenn wir hassen; Götter - wenn wir liebend uns umfassen! Lechzen nach dem süßen Fesselzwang - Aufwärts durch die tausendfachen Stufen Zahlenloser Geister, die nicht schufen, Waltet göttlich dieser Drang.

Arm in Arme, höher stets und höher, Vom Mongolen bis zum griech′schen Seher, Der sich an den letzten Seraph reiht, Wallen wir, einmüt′gen Ringeltanzes, Bis sich dort im Meer des ew′gen Glanzes Sterbend untertauchen Maß und Zeit -

Freundlos war der große Weltenmeister, Fühlte Mangel - darum schuf er Geister. Sel′ge Spiegel seiner Seligkeit! Fand das höchste Wesen schon kein gleiches, Aus dem Kelch des ganzen Seelenreiches Schäumt ihm - die Unendlichkeit.

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Illustration zu Die Freundschaft

Interpretation

Das Gedicht "Die Freundschaft" von Friedrich von Schiller ist ein Loblied auf die Freundschaft und ihre Bedeutung im Leben. Der Dichter preist die Freundschaft als eine göttliche Verbindung zwischen Menschen, die sie über das Chaos der Welt erhebt. Schiller vergleicht die Freundschaft mit den Gesetzen der Natur, die Newton entdeckte. So wie die Himmelskörper um die Sonne kreisen, werden auch die Freunde von einer unsichtbaren Kraft zusammengeführt. Die Freundschaft ist für den Dichter eine Quelle der Freude und des Trostes in einer oft tristen Welt. Im letzten Teil des Gedichts steigert Schiller die Freundschaft zu einem fast religiösen Erlebnis. Die Freunde sind wie Spiegel der göttlichen Seligkeit und spiegeln die Unendlichkeit wider. In der Freundschaft finden die Menschen einen Ausweg aus der Einsamkeit und können gemeinsam zu höheren Zielen aufsteigen.

Schlüsselwörter

großen geister gen geistersonne fliehn liebe unsre herzen

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Stilmittel

Metapher
Schäumt ihm - die Unendlichkeit
Personifikation
Geisterreich und Körperweltgewühle / Wälzet eines Rades Schwung zum Ziele