Die freie Wirtschaft
1890Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen. Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen. Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen. Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen. Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein, wir wollen freie Wirtschaftler sein! Fort die Gruppen - sei unser Panier! Na, ihr nicht. Aber wir.
Ihr braucht keine Heime für eure Lungen, keine Renten und keine Versicherungen. Ihr solltet euch allesamt was schämen, von dem armen Staat noch Geld zu nehmen! Ihr sollt nicht mehr zusammen stehn - wollt ihr wohl auseinander gehn! Keine Kartelle in unserm Revier! Ihr nicht. Aber wir. Wir bilden bis in die weiteste Ferne Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne. Wir stehen neben den Hochofenflammen in Interessengemeinschaften fest zusammen. Wir diktieren die Preise und die Verträge - kein Schutzgesetz sei uns im Wege. Gut organisiert sitzen wir hier - Ihr nicht. Aber wir.
Was ihr macht, ist Marxismus. Nieder damit! Wir erobern die Macht, Schritt für Schritt. Niemand stört uns. In guter Ruh sehn Regierungssozialisten zu. Wir wollen euch einzeln. An die Gewehre! Das ist die neuste Wirtschaftslehre. Die Forderung ist noch nicht verkündet, die ein deutscher Professor uns nicht begründet. In Betrieben wirken für unsere Idee die Offiziere der alten Armee, die Stahlhelmleute, Hitlergarden - Ihr, in Kellern und in Mansarden, merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird? mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird? Komme, was da kommen mag. Es kommt der Tag, da ruft der Arbeitspionier: “Ihr nicht. Aber Wir. Wir. Wir.”
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Interpretation
Das Gedicht "Die freie Wirtschaft" von Kurt Tucholsky ist eine scharfe Kritik an der wirtschaftlichen und politischen Situation in Deutschland in den 1920er Jahren. Tucholsky prangert die Doppelmoral und den Widerspruch in der Wirtschaftspolitik an, bei der die Arbeitnehmer zur Individualisierung und zum Verzicht auf soziale Absicherungen aufgefordert werden, während die Unternehmer sich zu mächtigen Kartellen und Trusts zusammenschließen. Im ersten Teil des Gedichts fordert der Sprecher die Arbeitnehmer auf, Tarifverträge abzuschaffen, Betriebsräte aufzulösen und dem Direktor zu vertrauen. Gleichzeitig betont er die Wichtigkeit einer freien Wirtschaft und ruft dazu auf, sich nicht mehr in Gruppen zusammenzuschließen. Diese Forderungen werden jedoch als heuchlerisch entlarvt, da die Unternehmer selbst in mächtigen Verbänden organisiert sind. Der zweite Teil des Gedichts verdeutlicht die Widersprüchlichkeit der wirtschaftlichen Situation. Während die Arbeitnehmer auf soziale Absicherungen wie Lungenheime, Renten und Versicherungen verzichten sollen, bilden die Unternehmer Trusts, Kartelle und Verbände. Sie diktieren Preise und Verträge und sind gut organisiert, während die Arbeitnehmer isoliert und wehrlos dastehen. Im letzten Teil des Gedichts warnt Tucholsky vor den Gefahren des aufkommenden Nationalsozialismus und der Unterwanderung der Wirtschaft durch ehemalige Offiziere, Stahlhelme und Hitler-Garden. Er fragt die Arbeitnehmer, ob sie bemerken, mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird und mit wem da gespielt wird. Das Gedicht endet mit der Ankündigung eines Tages, an dem der Arbeitspionier die Macht ergreift und die Unternehmer zur Rechenschaft zieht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen. Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen. Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen. Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
- Anspielung
- Die Forderung ist noch nicht verkündet, die ein deutscher Professor uns nicht begründet.
- Chiasmus
- Na, ihr nicht. Aber wir.
- Gegensatz
- Keine Kartelle in unserm Revier! Ihr nicht. Aber wir.
- Hyperbel
- Wir bilden bis in die weiteste Ferne Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.
- Ironie
- Ihr braucht keine Heime für eure Lungen, keine Renten und keine Versicherungen.
- Metapher
- Wir stehen neben den Hochofenflammen in Interessengemeinschaften fest zusammen.
- Personifikation
- Das ist die neuste Wirtschaftslehre.
- Rhetorische Frage
- merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird? mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird?
- Wiederholung
- Ihr nicht. Aber wir.