Die Frau des Alternden
1932Es ist nicht mehr wie in den ersten Jahren, da sie einander liebten, überreich — ein Frühherbstschimmer, wie der Reif so bleich, ruht heute schon auf seinen müden Haaren, doch s i e blieb unversehrt und mädchengleich.
Und immer noch, wenn sie auf Wiesen gehen, und sie sich eng an seine Schulter lehnt, weiß er, daß sie nichts anderes ersehnt, als dies: mit ihm auf ihren jungen Zehen durchs Land zu schreiten, das sich blühend dehnt.
Da ist sie noch ganz s e i n — auch in den Nächten, wenn schwerer Duft von dunkeln Beeten weht. Und seiner Inbrunst, die schon fast Gebet, begegnet sie im Golde loser Flechten und gibt ihm reicher, als er selbst erfleht.
Doch wenn des Abends einmal Geigen klingen und ihr geschmeidig schlanke Tänzer nah′n da sieht sie ihn so fremd und fragend an, da ist sie plötzlich voll von fernen Dingen, wie einem andern Zauber aufgetan.
Und wenn sie dann aus sehnig-heißen Armen zu ihm zurückkehrt, der so sehr allein, hat sie ein Lächeln, heimlich, kühl und fein, und Blicke voll verschwiegenem Erbarmen und Worte wie Verzichten und Verzeih′n.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Frau des Alternden" von Anton Wildgans thematisiert den Wandel einer Beziehung im Laufe der Zeit. Zu Beginn wird der Kontrast zwischen dem gealterten Mann und seiner unverändert jugendlichen Frau deutlich. Während der Herbst des Lebens auf ihn niedergeht, bleibt sie "unversehrt und mädchengleich", was die ungleiche Entwicklung ihrer Lebensphasen hervorhebt. Die Liebe und Verbundenheit zwischen den beiden wird in den folgenden Strophen dargestellt. Sie teilen intime Momente, in denen sie gemeinsam durch blühende Landschaften spazieren und in der Nacht von den Düften des Gartens umgeben sind. Die Frau gibt dem Mann mehr, als er sich erhofft, was auf eine tiefe emotionale und möglicherweise sexuelle Erfüllung hindeutet. Jedoch offenbart die letzte Strophe eine tiefere Entfremdung. Wenn Musik erklingt und andere Männer in ihrer Nähe sind, scheint die Frau plötzlich distanziert und von etwas Unerreichbarem angezogen. Ihre Rückkehr zu ihm ist von einem Lächeln geprägt, das Mitleid und Verzicht ausdrückt, was auf eine unausgesprochene Resignation und die Unfähigkeit hindeutet, die Kluft zwischen ihnen zu überbrücken.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- sehnig-heißen Armen
- Personifikation
- des Abends einmal Geigen klingen
- Vergleich
- ein Frühherbstschimmer, wie der Reif so bleich