Die feinen Ohren
1853(Meiner Mutter)
Du warst allein, ich sah durchs Schlüsselloch den matten Schein der späten Lampe noch.
Was stand ich nur und trat nicht ein? Und brannte doch, und war mir doch, es müßte sein, daß ich noch einmal deine Stirne strich und zärtlich flüsterte: Wie lieb′ ich dich.
Die alte böse Scheu, dir ganz mein Herz zu zeigen, sie quält mich immer neu. Nun lieg′ ich durch die lange Nacht und horche in das Schweigen - ob wohl ein weißes Haupt noch wacht?
Und einmal hab′ ich leis gelacht: Was sorgst du noch, sie weiß es doch, sie hat gar feine Ohren, ihr geht von deines Herzens Schlag, obwohl die Lippe schweigen mag, auch nicht ein leiser Ton verloren.
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Interpretation
Das Gedicht "Die feinen Ohren" von Gustav Falke handelt von der tiefen, aber schwer auszudrückenden Liebe eines Kindes zu seiner Mutter. Der Sprecher beobachtet die Mutter durch das Schlüsselloch, während sie allein in einem matten Lampenschein sitzt. Er zögert, einzutreten, obwohl er den starken Wunsch verspürt, sie zu umarmen und ihr seine Liebe zu gestehen. Diese innere Zögerlichkeit und Scheu, seine Gefühle offen zu zeigen, quält ihn. In der zweiten Strophe reflektiert der Sprecher über die "alte böse Scheu", die ihn davon abhält, seiner Mutter sein Herz vollständig zu offenbaren. Er liegt die ganze Nacht wach und horcht in die Stille, ob seine Mutter noch wach ist. In einem Moment des Selbstmitleids lacht er leise über seine eigene Sorge, da er erkennt, dass seine Mutter ohnehin alles weiß. Sie hat "gar feine Ohren" und kann die Schläge seines Herzens hören, selbst wenn seine Lippen schweigen und kein Ton verloren geht. Das Gedicht verdeutlicht die tiefe Verbundenheit und das intuitive Verständnis zwischen Mutter und Kind. Trotz der Schwierigkeit, Gefühle in Worte zu fassen, ist die Liebe und das Mitgefühl spürbar und verständlich. Die Mutter versteht die unausgesprochenen Emotionen ihres Kindes, was die tiefe, intuitive Bindung zwischen ihnen unterstreicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- alte böse Scheu
- Bildsprache
- daß ich noch einmal deine Stirne strich und zärtlich flüsterte
- Hyperbel
- auch nicht ein leiser Ton verloren
- Metapher
- ihr geht von deines Herzens Schlag
- Personifikation
- und horche in das Schweigen
- Wiederholung
- und war mir doch, es müßte sein