Die feindliche Erde
1881Der Eiter der Erde lag in den Häusern. Unter hellen Lichtern saßen schmatzende Jobber.
In Nebenzimmern ragten gelangweilt lange schwarze Strümpfe, trägzuckende Schenkel über schwere geile Rücken.
Hintern tanzten vor polierten Klavieren, dunkle Langhaare geigten.
Kluge hielten in seidnen Salons Vorträge, daß alles auf Erden immer gleich bleibe.
Weiche Bartlose sprachen unter sich von dem Ekel am Weibe.
In steinernen Museen schritten sanft die ausgeschlafenen Kenner.
In heißen Redaktionen schrieb man die Lebensläufe berühmter Männer.
Die Zimmer der Stadt wölbten sich wie ein ungeheurer fetter Bauch, die Dachkuppeln lagen krumm strähnig über der breiten flachen Stirne.
Hinter den Fenstern saßen schnaufend träge Menschen steil wie dicke Riesenfinger.
Die Häuser glotzten wie die Freßzähne an einem ungeheuren, gähnenden Jahrmarkts-Ringer.
Die Erde faulte länglich auf zur wimmelnden himmlischen Birne.
Der Himmel rollte herum dunkel funkelnd im schwarzen hohlen Oval.
Das Licht war eingesogen in stampfende Kessel und Telegraphenstrahl.
Der Lampenschein strich klein durch die Straßen wie Wurmaugen nachts im Korn.
Das Licht war fort von der kleinen Erde, niemand saß in der Sonne oder blickte zum mondlichen Horn.
Die Trägheit schlug an die Ufer, faulende Riesenalgen wanden sich erdenrund um die Schimmelgrüne.
Drunten im Trüben schrieben wimmelnde Menschen noch eilige servile Telegramme, Briefe, Denunziationen voll Ranküne.
Tänzerinnen, Barone, Agenten, Geheimräte, Schutzleute, Ehefrauen, Studenten, Hauswirte freuten sich auf ihre dampfende Nacht.
Aber der arme Mob schaute das Wunder und war zur neuen Zeit aufgewacht.
Die böse gestörte Wut zitterte über die verregneten Telegraphenstangen,
Als die mürben Armen ohne Essen und Trinken zum göttlichen Himmel marschierten, wurden sie mit hartreißenden Flintenkugeln empfangen.
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Interpretation
Das Gedicht "Die feindliche Erde" von Ludwig Rubiner beschreibt eine Gesellschaft, die von Dekadenz, Selbstgefälligkeit und moralischem Verfall geprägt ist. Die Erde wird als "eiternd" dargestellt, was auf einen Zustand des Verfalls und der Krankheit hinweist. In den Häusern sitzen "schmatzende Jobber" unter hellen Lichtern, was auf eine oberflächliche und materialistische Lebensweise schließen lässt. Die Menschen sind in ihren eigenen Welten gefangen, ohne Rücksicht auf das größere Ganze oder die Bedürfnisse anderer. Die Gesellschaft wird als zerrissen und entfremdet dargestellt, wobei verschiedene Gruppen in ihren eigenen Beschäftigungen und Obsessionen versunken sind. In seidenen Salons halten "kluge" Menschen Vorträge, dass "alles auf Erden immer gleich bleibe", was auf eine konservative und resistente Haltung gegenüber Veränderungen hindeutet. Gleichzeitig sprechen "weiche Bartlose" unter sich vom "Ekel am Weibe", was auf eine misogynistische und frauenfeindliche Einstellung schließen lässt. Die Menschen sind in ihren eigenen Interessen gefangen und verlieren den Bezug zur Realität und den Bedürfnissen anderer. Das Gedicht endet mit einem Aufruf zur Veränderung und einem Hoffnungsschimmer. Der "arme Mob" erwacht zur "neuen Zeit" und marschiert zum "göttlichen Himmel", was auf einen Wunsch nach Veränderung und einer besseren Zukunft hindeutet. Die Armen, die ohne Essen und Trinken sind, werden jedoch mit Gewalt empfangen, was auf den Widerstand der herrschenden Klasse gegen Veränderungen und den Preis hinweist, den die Unterdrückten für ihre Freiheit zahlen müssen. Das Gedicht ist eine Kritik an der Gesellschaft und ein Aufruf zur Veränderung, der die Notwendigkeit einer gerechteren und menschlicheren Welt betont.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- Die böse gestörte Wut zitterte über die verregneten Telegraphenstangen
- Personifikation
- Die Trägheit schlug an die Ufer, faulende Riesenalgen wanden sich erdenrund um die Schimmelgrüne
- Vergleich
- Der Lampenschein strich klein durch die Straßen wie Wurmaugen nachts im Korn