Die Fei
1879Mondnacht und Flut. Sie hängt am Kiel Umklammert mit den Armen ihn, Sie treibt ein grausam lüstern Spiel, Den Nachen in den Grund zu ziehn.
Der Ferge stöhnt: “In Seegesträuch Reisst nieder uns der blanke Leib! Rasch, Herr! Von Sünde reinigt Euch, Begehrt Ihr heim zu Kind und Weib!”
Der Ritter hält den Schwertesgriff Sich als das heilge Zeichen vor - Aus dunkeln Haaren lauscht am Schiff Ein schmerzlich bleiches Haupt empor.
“Herr Christ! ich beichte Rittertat, Streit, Flammenschein und strömend Blut, Doch nichts von Frevel noch Verrat, Denn Treu und Glauben hielt ich gut.”
Er küsst das Kreuz. Grell schreit die Fee! Auflangend sieht er eine Hand Am Steuer, blendend weiss wie Schnee, Und starrt darauf, von Graun gebannt.
“Herr Christ! ich beichte Missetat! Ich brach den Glauben und die Treu, Ich übt an meinem Lieb Verrat. Es starb. Ich tue Leid und Reu!”
Sie löst die Arme. Sie versinkt. Das Ruder schlägt. Der Nachen fliegt. Vom Strand das Licht des Erkers winkt, Wo Weib und Kind ihm schlummernd liegt.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Fei" von Conrad Ferdinand Meyer beschreibt eine nächtliche Bootsfahrt eines Ritters, die zu einer Beichte und einem moralischen Kampf wird. Die Fee, eine übernatürliche Gestalt, versucht, das Boot zu versenken und den Ritter in Versuchung zu führen. Der Ferge warnt den Ritter vor der Gefahr und mahnt ihn zur Reue, um nach Hause zu seiner Familie zurückkehren zu können. Der Ritter bekennt zunächst seine ritterlichen Taten, wie Kämpfe und Blutvergießen, betont aber, dass er dabei stets Treue und Glauben bewahrt hat. Die Fee reagiert schockiert auf diese Beichte, und der Ritter sieht eine weiße Hand am Steuer, die ihn in Angst und Schrecken versetzt. Dies symbolisiert die Reinheit und Unschuld, die der Ritter durch seine ritterlichen Taten nicht befleckt hat. In einem zweiten Beichtakt gesteht der Ritter seine Missetat ein: Er hat den Glauben und die Treue gebrochen und seine Geliebte verraten, die daraufhin starb. Der Ritter bereut zutiefst seine Taten und fühlt Reue. Die Fee löst ihre Umarmung und verschwindet, das Ruder schlägt zu, und das Boot eilt voran. Am Strand winkt das Licht aus dem Erker, wo seine Frau und sein Kind schlafen, was die Rückkehr zu seiner Familie und ein neues Leben in Reue und Buße symbolisiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- grausam lüstern Spiel
- Anapher
- Herr Christ! ich beichte
- Bildsprache
- den Nachen in den Grund zu ziehn
- Hyperbel
- Grell schreit die Fee
- Ironie
- Ich brach den Glauben und die Treu, Ich übt an meinem Lieb Verrat
- Kontrast
- Von Sünde reinigt Euch, Begehrt Ihr heim zu Kind und Weib
- Metapher
- Mondnacht und Flut
- Personifikation
- Sie hängt am Kiel
- Symbolik
- Schwertesgriff sich als das heilge Zeichen vor
- Vergleich
- blenden weiss wie Schnee