Die Fahrende
1917Alle Eisenbahnen dampfen in meine Hände, Alle großen Häfen schaukeln Schiffe für mich, Alle Wanderstraßen stürzen fort ins Gelände, Nehmen Abschied hier; denn am andern Ende, Fröhlich sie zu grüßen, lächelnd stehe ich.
Könnt ich einen Zipfel dieser Welt erst packen, Fänd ich auch die drei andern, knotete das Tuch, Hängt es auf einen Stecken, trügs an meinem Nacken, Drin die Erdkugel mit geröteten Backen, Mit den braunen Kernen und Kalvillgeruch.
Schwere eherne Gitter rasseln fern meinen Namen, Meine Schritte bespitzelt lauernd ein buckliges Haus; Weit verirrte Bilder kehren rück in den Rahmen, Und des Blinden Sehnsucht und die Wünsche des Lahmen Schöpft mein Reisebericht, trinke ich durstig aus.
Nackte, kämpfende Arme pflüg ich durch tiefe Seen, In mein leuchtendes Auge zieh ich den Himmel ein. Irgendwann wird es Zeit, still am Weiser zu stehen, Schmalen Vorrat zu sichten, zögernd heimzugehen, Nichts als Sand in den Schuhen Kommender zu sein.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Fahrende" von Gertrud Kolmar beschreibt die unruhige Sehnsucht einer Reisenden, die die ganze Welt erkunden möchte. Die Ich-Erzählerin imaginiert, alle Eisenbahnen und Häfen in ihrer Hand zu halten und über alle Wanderstraßen zu ziehen, um am Ende fröhlich zu grüßen. Sie träumt davon, die Welt wie einen Zipfel zu packen, sie in ein Tuch zu knoten und auf einem Stecken zu tragen. Die Reisende fühlt sich jedoch auch beobachtet und verfolgt, wie schwere eiserne Gitter, die ihren Namen rasseln, und ein buckliges Haus, das ihre Schritte bespitzelt. Dennoch zieht sie weiter, pflügt durch tiefe Seen und saugt den Himmel in ihre Augen. Doch irgendwann wird auch sie zur Ruhe kommen müssen, ihren Vorrat sichten, zögernd heimkehren und als Kommender nur noch Sand in den Schuhen haben. Das Gedicht thematisiert die Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer, aber auch die Vergänglichkeit und Endlichkeit des Lebens. Die Reisende ist getrieben von dem Wunsch, die Welt zu erkunden und zu erobern, doch am Ende wird auch sie zur Ruhe kommen müssen. Das Gedicht vermittelt eine melancholische Stimmung und lässt den Leser über die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes nachdenken.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Nichts als Sand in den Schuhen Kommender zu sein
- Personifikation
- Meine Schritte bespitzelt lauernd ein buckliges Haus