Die Erzstufe
1797Ja Blitze, Blitze! der Schwaden drängt Giftiges Gas am Risse hinaus, Auf einem Blitze bin ich gesprengt Aus meinem funkelnden Kellerhaus. O, wie war ich zerbrochen und krank, Wie rieselt′s mir über die blanke Haut, Wenn langsam schwellend der Tropfen sank, Des Zuges Schneide mich angegraut!
Kennst du den Bergmönch, den braunen Schelm, Dem auf der Schulter das Antlitz kreist? Schwarz und rauh wie ein rostiger Helm, Wie die Grubenlampe sein Auge gleißt. O, er ist böse, tückisch und schlimm! Mit dem Gezähe hackt er am Spalt, Bis das schwefelnde Wetter im Grimm Gegen die weichende Rinde schwallt.
Steiger, bete! du armer Knapp′, Dem in der Hütte das Kindlein zart, Betet! betet! eh ihr hinab, Eh zum letzten Male vor Ort ihr fahrt. Sieben Nächte hab′ ich gesehn Wie eine Walze rollen den Nacken Und die Augen funkeln und drehn Und das Gezähe schürfen und hacken.
Dort, dort hinter dem reichen Gang Lauert der giftige Brodem; da, Wo der Kobold den Hammer schwang, Wo ich am Bruche ihn schnuppern sah. Gleich dem Molche von Dunste trunken Schwoll und wackelt′ der Gnom am Grund, Und des Gases knistemde Funken Zogen in seinen saugenden Schlund.
Bete, Steiger, den Morgenpsalm Einmal noch und dein »walt′s Gott«, Deinen Segen gen Wetters Qualm, Gäh Verscheiden und Teufelsrott′. Schau noch einmal ins Angesicht Deinem Töchterchen, deinem Weib, Und dann zünde das Grubenlicht. »Gott die Seele, dem Schacht der Leib!«
Sie sind vor Ort, die Lämpchen rund Wie Irrwischflämmchen aufgestellt. Die Winde keucht, es rollt der Hund, Der Hammer pickt, die Stufe fällt, An Bleigewürfel, Glimmerspat Zerrinnend, malt der kleine Strahl In seiner Glorie schwimmend Rad Sich Regenbogen und Opal.
Die Winde keucht, es rollt der Hund. — Hörst du des Schwadens Sausen nicht? Wie Hagel bröckelt es zum Grund — Der Hammer pickt, die Stufe bricht; — Weh, weh! es zündet, flammt hinein! Hinweg! es schmettert aus der Höh′! Felsblöcke, zuckendes Gebein! Wo bin ich? — bin ich? — auf der See? Und welch′ Geriesel — immer immerzu, Wie Regentropfen, regnet′s?
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Interpretation
Das Gedicht "Die Erzstufe" von Annette von Droste-Hülshoff thematisiert die gefährliche Arbeit im Bergbau und die damit verbundenen Gefahren. Es schildert die Erlebnisse eines Bergmanns, der sich in einer prekären Situation befindet und mit dem Tod konfrontiert wird. Die Erzstufe, also die Abbauseite im Bergwerk, wird zum Schauplatz einer dramatischen Begebenheit. Die erste Strophe beschreibt die plötzliche Freisetzung giftiger Gase aus dem Berg, die den Sprecher aus seinem "funkelnden Kellerhaus" schleudern. Dieses Kellerhaus könnte als Metapher für die Bergwerksarbeiter selbst dienen, die in den Tiefen der Erde leben und arbeiten. Die folgende Strophe führt den "Bergmönch" ein, eine Personifizierung des Berges oder vielleicht eines Bergarbeiters, der mit seinem Werkzeug am Spalt des Berges arbeitet, bis das "schwefelnde Wetter" gegen die "weichende Rinde" schwallt. Dies könnte auf die Sprengung von Gestein und die Freisetzung von Gasen anspielen. Die dritte Strophe richtet einen Appell an den Steiger, den Vorsteher der Bergleute, zu beten, bevor er hinab in die Grube fährt. Die folgenden Strophen beschreiben die Vorbereitungen der Bergleute, die Anzündung der Grubenlampen und den Beginn der Arbeit. Die letzte Strophe schildert dann den dramatischen Ausbruch von Gas und die Explosion, die den Sprecher in eine Art Schockzustand versetzt, in dem er sich fragt, ob er auf dem Meer sei und von einem unaufhörlichen "Geriesel" umgeben sei, das an Regentropfen erinnert. Das Gedicht vermittelt eindringlich die Gefahren und die Unberechenbarkeit der Arbeit im Bergbau, die von den Arbeitern ein hohes Maß an Mut und die Bereitschaft erfordert, sich immer wieder in Lebensgefahr zu begeben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Bete, Steiger, den Morgenpsalm
- Anapher
- Betet! betet!
- Bildsprache
- Sich Regenbogen und Opal
- Hyperbel
- Sieben Nächte hab' ich gesehn
- Metapher
- Aus meinem funkelnden Kellerhaus
- Onomatopoesie
- Die Winde keucht, es rollt der Hund
- Personifikation
- Giftiges Gas am Risse hinaus
- Rhetorische Frage
- Wo bin ich? — bin ich? — auf der See?
- Symbolik
- Der Bergmönch, der braune Schelm
- Vergleich
- Schwarz und rauh wie ein rostiger Helm