Die Erwartung
1805Hör′ ich das Pförtchen nicht gehen? Hat nicht der Riegel geklirrt? Nein, es war des Windes Wehen, Der durch diese Pappeln schwirrt.
O schmücke dich, du grün belaubtes Dach, Du sollst die Anmutstrahlende empfangen! Ihr Zweige, baut ein schattendes Gemach, Mit holder Nacht sie heimlich zu umfangen! Und all′ ihr Schmeichellüfte, werdet wach Und scherzt und spielt um ihre Rosenwangen, Wenn seine schöne Bürde, leicht bewegt, Der zarte Fuß zum Sitz der Liebe trägt.
Stille! Was schlüpft durch die Hecken Raschelnd mit eilendem Lauf? Nein, es scheuchte nur der Schrecken Aus dem Busch den Vogel auf.
O lösche deine Fackel, Tag! Hervor Du geist′ge Nacht, mit deinem holden Schweigen! Breit′ um uns her den purpurroten Flor, Umspinn′ uns mit geheimnisvollen Zweigen! Der Liebe Wonne flieht des Lauschers Ohr, Sie flieht des Strahles unbescheidnen Zeugen; Nur Hesper, der Verschwiegene, allein Darf, still herblickend, ihr Vertrauter sein.
Rief es von ferne nicht leise, Flüsternden Stimmen gleich? Nein, der Schwan ist′s, der die Kreise Ziehet durch den Silberteich.
Mein Ohr umtönt ein Harmonienfluss, Der Springquell fällt mit angenehmem Rauschen, Die Blume neigt sich bei des Westes Kuss, Und alle Wesen seh′ ich Wonne tauschen, Die Traube winkt, die Pfirsche zum Genuss, Die üppig schwellend hinter Blättern lauschen, Die Luft, getaucht in der Gewürze Flut, Trinkt von der heißen Wange mir die Glut.
Hör′ ich nicht Tritte erschallen? Rauscht′s nicht den Laubgang daher? Nein, die Frucht ist dort gefallen, Von der eignen Fülle schwer.
Des Tages Flammenauge selber bricht In süßem Tod, und seine Farben blassen; Kühn öffnen sich im holden Dämmerlicht Die Kelche schon, die seine Gluten hassen. Still hebt der Mond sein strahlend Angesicht, Die Welt zerschmilzt in ruhig große Massen, Der Gürtel ist von jedem Reiz gelöst, Und alles Schöne zeigt sich mir entblößt.
Seh′ ich nichts Weißes dort schimmern? Glänzt′s nicht wie seidnes Gewand? Nein, es ist der Säule Flimmern An der dunkeln Taxuswand.
O sehnend Herz, ergötze dich nicht mehr, Mit süßen Bildern wesenlos zu spielen! Der Arm, der sie umfassen will, ist leer, Kein Schattenglück kann diesen Busen kühlen. O führe mir die Liebende daher, Lass ihre Hand, die zärtliche, mich fühlen! Den Schatten nur von ihres Mantels Saum - Und in das Leben tritt der hohle Traum.
Und leis′, wie aus himmlischen Höhen Die Stunde des Glückes erscheint, So war sie genaht, ungesehen, Und weckte mit Küssen den Freund.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Erwartung" von Friedrich von Schiller handelt von der Sehnsucht und dem Warten auf die geliebte Person. Der Sprecher hört ständig Geräusche und hofft, dass seine Angebetete endlich eintrifft, doch es sind nur natürliche Geräusche wie der Wind oder Vögel. Er bittet die Natur um Hilfe, damit sie die Geliebte empfangen und beschützen kann. Die Natur soll ihr einen schattigen Ort bereiten und sie mit zarten Lüften umspielen. Der Sprecher sehnt sich danach, dass die Dunkelheit kommt und die Liebenden in ihrer Intimität beschützt. Die Liebe soll sich frei entfalten können, ohne dass neugierige Ohren oder Augen sie stören. Nur der Abendstern darf Zeuge ihrer Liebe sein. Der Sprecher hört weiterhin Geräusche und hofft, dass seine Geliebte endlich kommt, doch es sind nur die Geräusche der Natur wie ein Schwan auf dem Teich oder ein Wasserfall. Er genießt die Schönheit der Natur und die Fülle der Früchte, die zum Genießen einladen. Die Luft ist erfüllt von würzigen Düften und die Glut seiner Wangen wird von der Luft getrunken. Der Sprecher hört immer noch Geräusche und hofft, dass seine Geliebte endlich eintrifft, doch es ist nur eine Frucht, die von ihrem eigenen Gewicht heruntergefallen ist. Die Sonne geht unter und ihre Farben verblassen. Die Blumen öffnen sich im Dämmerlicht und der Mond erhebt sein strahlendes Gesicht. Die Welt löst sich in ruhige Massen auf und alle Schönheit zeigt sich dem Sprecher. Der Sprecher sieht immer noch etwas Weißes schimmern und hofft, dass es seine Geliebte ist, doch es ist nur das Flackern einer Säule an der dunklen Taxuswand. Er bittet sein sehnendes Herz, sich nicht mehr mit süßen Bildern zu beschäftigen, die nur Schatten sind. Der Arm, der sie umfassen will, ist leer und kein Schattenglück kann seinen Busen kühlen. Er bittet darum, dass seine Geliebte zu ihm geführt wird, damit er ihre zärtliche Hand fühlen kann. Nur der Schatten ihres Mantelsaums würde genügen, um den hohlen Traum in die Wirklichkeit zu verwandeln. Und schließlich, wie aus himmlischen Höhen, erscheint die Stunde des Glücks, ungesehen naht sie sich und weckt den Freund mit Küssen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Traube winkt, die Pfirsche zum Genuss
- Anapher
- Rief es von ferne nicht leise, Flüsternden Stimmen gleich? Nein, der Schwan ist's, der die Kreise Ziehet durch den Silberteich.
- Apostrophe
- O lösche deine Fackel, Tag! Hervor Du geist'ge Nacht, mit deinem holden Schweigen!
- Bildsprache
- Und all' ihr Schmeichellüfte, werdet wach Und scherzt und spielt um ihre Rosenwangen
- Hyperbel
- Und alles Schöne zeigt sich mir entblößt
- Kontrast
- O sehnend Herz, ergötze dich nicht mehr, Mit süßen Bildern wesenlos zu spielen!
- Metapher
- Du sollst die Anmutstrahlende empfangen!
- Metonymie
- Die Traube winkt, die Pfirsche zum Genuss
- Personifikation
- O lösche deine Fackel, Tag! Hervor Du geist'ge Nacht, mit deinem holden Schweigen!
- Symbolik
- Des Tages Flammenauge selber bricht In süßem Tod, und seine Farben blassen