Die erste Schwalbe
1897Nun der Himmel wieder lichter Und die letzte Flocke schwand, Kehrst du, wie dem Griechendichter, Kehrst du mir vom Morgenland? Unter Palmen und Eypressen, Schöne Sängerfreundin, ward Nicht der Freund von dir vergessen, Der im Norden dein geharrt?
Grüßend unsre Nacht, die kalte, Hat dich jener Strand geschickt, Wo noch ungetrübt das alte Flammenauge niederblickt, Und du singst uns von den Küsten, Die das heil′ge Meer umschmiegt, Das an seinen Mutterbrüsten Unsern ersten Schlaf gewiegt;
Von dem Land, das, eh die Blindheit Unsern Geist mit Nacht umgraut, Mit dem Seherblick der Kindheit Wir in Träumen oft geschaut; Wo wir, wenn die frische Quelle Uns zu ihren Borden lud, In des Erdenmorgens Helle Mit den Hirten oft geruht.
Sing denn mit dem Ruf des Werde Das erstorbne Leben wach; Durch das große Herz der Erde Laß es pulsen hundertfach, Daß in Frühlingswonne klopfend Es die Winterbande sprengt, Und der erste Tau sich tropfend An die erste Blüte hängt!
Ach! in seinen Schmerz versponnen Schlief mein Herz den Winterschlaf, Wo kein warmer Blick der Sonnen Den verpuppten Träumer traf; Alle meine muntern Geister, Die sonst Lebenslust gesprüht, Neigten starrend in beeister Nacht die Häupter schlummermüd.
Doch bei deiner Stimme ersten Klängen klopfte hoch mein Herz; Wie aus Gräbern, wenn sie bersten, Die Erstandnen himmelwärts, Schwangen aus der Seele Tiefen Wünsche, tief verhüllt vom Tod, Hoffnungen, die lange schliefen, Jubelnd sich ins Morgenrot.
Aus des Kummers Grabgespinste, Ein befreiter Falter, brach Meine Liebeslust und blinzte In den goldnen Frühlingstag; Um sie flatterten und summten Freuden aus der Gruft empor, Wirbelte der lang verstummten Lieder muntrer Lerchenchor.
Sei denn, da der alte Härmer, Da der Gram des Winters wich, Sei der erste Sang der Schwärmer Dir geweiht - wie nenn′ ich dich? Rettungsbotin dem Gefangnen, Oder gottgesandter Geist, Der vom Grabe des Vergangnen Auf die bess′re Zukunft weist!
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Interpretation
Das Gedicht "Die erste Schwalbe" von Adolf Friedrich Graf von Schack beschreibt die Ankunft der ersten Schwalbe im Frühling als Symbol der Hoffnung und Erneuerung. Der Sprecher begrüßt die Schwalbe als Botin aus dem warmen Süden und vergleicht sie mit einem griechischen Dichter, der aus dem Morgenland zurückkehrt. Die Schwalbe wird als Freundin des Sprechers dargestellt, die ihn durch den kalten Winter begleitet hat und nun von den Küsten des heiligen Meeres singt. Das Gedicht wechselt dann zur persönlichen Ebene, indem der Sprecher sein eigenes Herz beschreibt, das den Winter in Schmerz und Kummer verbracht hat. Die Ankunft der Schwalbe und ihr Gesang wecken jedoch die schlummernden Wünsche und Hoffnungen des Sprechers, die sich wie aus dem Grab erstandene Seelen ins Morgenrot schwingen. Die Liebeslust und Freude des Sprechers werden befreit und flattern im Frühling umher, begleitet von den munteren Liedern der Lerchen. Im letzten Teil des Gedichts fragt der Sprecher die Schwalbe, wie er sie nennen soll: als Rettungsbotin des Gefangenen oder als göttlicher Geist, der vom Grab der Vergangenheit auf eine bessere Zukunft weist. Die Schwalbe wird somit als Symbol der Hoffnung und des Neubeginns dargestellt, die den Sprecher aus seiner Winterdepression befreit und ihm neue Perspektiven eröffnet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Nicht der Freund von dir vergessen
- Metapher
- Goldnen Frühlingstag
- Personifikation
- Kehrst du mir vom Morgenland?