Die Erscheinung

Charlotte von Ahlefeld

1781

Ist′s Dein Schatten, der mit lindem Wehen Leise oft, und flüsternd um mich schwebt, Dass mir ahnungsvoll das Herz erbebt Und mir Thränen in den Augen stehen?

Deinen Körper birgt das dunkle Grab; Doch in lichte, höh′re Regionen, Unter Engeln schwesterlich zu wohnen, Schwang der Geist sich, welchen Gott Dir gab.

Sollt′ er liebevoll mir wiederkehren, Weil er weiss, wie bang ich Dich entbehrt? Weil mein Herz, von Sehnsucht still verzehrt, Sich des bittern Grams nicht kann erwehren?

O gieb Antwort mir auf diese Frage, Denn Dein nachtumhülltes Schattenbild Ohne Deine Rede, sanft und mild, Weckt nur inniger der Wehmuth Klage.

Sprich wie sonst, mit freundlichem Vertrauen, Das Dich wiederum mir näher bringt, Ach der Schmerz, der jetzt mich tief durchdringt, Löst sich sonst in schauerliches Grauen.

»Fasse Muth, und hebe ohne Thränen Deine Blicke liebend zu mir auf. Um zu lindern Dein unendlich Sehnen Stieg ich aus der Schattenwelt herauf.

Sieh, ich noch - nimmer kann vergehen, Was in reiner Unschuld einst gelebt, Und gestillt in wonnevollen Wehen Wird der Schmerz, der irdisch uns durchbebt.

Warum klagst Du, dass ich früh gesunken, In der Erde kühlen Mutterschooss? Vom Entzücken höh′rer Sphären trunken, Ist der Himmel Wonne nun mein Loos.

Denn in Staub zerfallen ist die Hülle, Die so schmerzvoll meinen Geist umwand; Doch belohnt des Leidens Fülle Jetzt mit ew′ger Ruh′ ein bessres Land.

Dass ich noch Dir tröstend wiederkehre, Ist der Freundschaft Werk, die fest und rein Uns vereinigte, und sieh, ich ehre Ihr Gebot auch noch im bessern Seyn.

Scheiden muss ich, aber stillen Frieden Statt der bangen Sehnsucht nimm von mir. Wiedersehen ist uns einst beschieden, Denn des Lebens Fackel löscht auch Dir.

Ruhig sieh zu meiner Gruft hinab, Denn der Menschheit edelste Gefühle Werden nicht zu Staub im tiefen Grab - Fest bestehn sie noch am letzten Ziele.«

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Illustration zu Die Erscheinung

Interpretation

Das Gedicht "Die Erscheinung" von Charlotte von Ahlefeld handelt von der Begegnung mit dem Geist einer verstorbenen geliebten Person. Die lyrische Ich-Figur spürt die Anwesenheit des Verstorbenen und fragt sich, ob es dessen Schatten ist, der sie umgibt und emotional berührt. Der Geist antwortet und tröstet die Hinterbliebene, indem er ihr erklärt, dass er nun in einer höheren, himmlischen Sphäre weilt und von ewiger Ruhe und Glückseligkeit erfüllt ist. Er ermutigt die trauernde Person, Mut zu fassen und ihre Blicke liebend zu ihm zu erheben. Der Geist verdeutlicht, dass das, was in reiner Unschuld gelebt wurde, niemals vergehen kann und dass der Schmerz, der sie einst auf der Erde durchbebte, nun in wonnevollen Wehen gestillt wird. Er erklärt, dass der Himmel sein Los ist und er von höheren Sphären trunken ist. Der Geist betont, dass er noch immer der Freundschaft huldigt, die sie einst verband, und dass er tröstend zurückgekehrt ist, um der Hinterbliebenen beizustehen. Abschließend kündigt der Geist an, dass er sich von der trauernden Person trennen muss, aber ihr statt der bangen Sehnsucht ruhigen Frieden mitgeben möchte. Er verspricht, dass ein Wiedersehen einmal bestimmt ist, wenn auch die Fackel des Lebens für die Hinterbliebene erlischt. Das Gedicht endet mit der Gewissheit, dass die edelsten Gefühle der Menschheit nicht zu Staub im tiefen Grab werden, sondern fest bis zum letzten Ziel bestehen bleiben.

Schlüsselwörter

sieh wehen herz thränen grab höh geist sehnsucht

Wortwolke

Wortwolke zu Die Erscheinung

Stilmittel

Alliteration
Weil mein Herz, von Sehnsucht still verzehrt
Anapher
Weil... Weil...
Apostrophe
O gieb Antwort mir auf diese Frage
Hyperbel
Um zu lindern Dein unendlich Sehnen
Kontrast
Denn in Staub zerfallen ist die Hülle, Die so schmerzvoll meinen Geist umwand; Doch belohnt des Leidens Fülle Jetzt mit ew'ger Ruh' ein bessres Land
Metapher
Des Lebens Fackel löscht auch Dir
Personifikation
Ist's Dein Schatten, der mit lindem Wehen Leise oft, und flüsternd um mich schwebt
Symbol
Die Erscheinung