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Die Ente

Von

Ente, wahres Bild von mir,
Wahres Bild von meinen Brüdern!
Ente, jetzo schenk′ ich dir
Auch ein Lied von meinen Liedern.

Oft und oft muß dich der Neid
Zechend auf dem Teiche sehen.
Oft sieht er aus Trunkenheit
Taumelnd dich in Pfützen gehen.

Auch ein Tier – – o das ist viel!
Hält den Satz für wahr und süße,
Daß, wer glücklich leben will,
Fein das Trinken lieben müsse.

Ente, ists nicht die Natur,
Die dich stets zum Teiche treibet?
Ja, sie ists; drum folg′ ihr nur.
Trinke, bis nichts übrig bleibet.

Ja, du trinkst und singst dazu.
Neider nennen es zwar schnadern;
Aber, Ente, ich und du
Wollen nicht um Worte hadern.

Wem mein Singen nicht gefällt,
Mag es immer Schnadern nennen.
Will uns nur die neid′sche Welt
Als versuchte Trinker kennen.

Aber, wie betaur′ ich dich,
Daß du nur mußt Wasser trinken.
Und wie glücklich schätz′ ich mich,
Wenn mir Weine dafür blinken!

Armes Tier, ergib dich drein.
Laß dich nicht den Neid verführen.
Denn des Weins Gebrauch allein
Unterscheidet uns von Tieren.

In der Welt muß Ordnung sein.
Menschen sind von edlern Gaben.
Du trinkst Wasser, und ich Wein;
So will es die Ordnung haben.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Die Ente von Gotthold Ephraim Lessing

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Die Ente“ von Gotthold Ephraim Lessing ist eine humorvolle und satirische Auseinandersetzung mit menschlichen und tierischen Eigenschaften, insbesondere mit der Frage nach Genuss und gesellschaftlicher Konvention. Lessing nutzt die Ente als Spiegelbild, um die menschliche Neigung zur Selbsttäuschung und die Rechtfertigung von Lasterhaftigkeit zu karikieren. Das Gedicht beginnt mit der direkten Ansprache der Ente, wobei der Dichter sie als „wahres Bild“ von sich und seinen „Brüdern“ bezeichnet. Dies deutet bereits auf eine Identifikation und eine gewisse Kritik an der eigenen Lebensweise hin.

Im weiteren Verlauf des Gedichts wird die Ente für ihr Verhalten im Teich und ihr scheinbar unbeschwertes Trinken kritisiert. Der Neid der anderen wird angesprochen, und es wird angedeutet, dass die Ente für ihr Verhalten belächelt und als Trunkenbold angesehen wird. Lessing stellt jedoch die Ente als ein Wesen dar, das seinem natürlichen Instinkt folgt und keine überflüssigen Gedanken an gesellschaftliche Konventionen verschwendet. Die Ente wird als „glücklich“ beschrieben, während der Dichter selbst mit dem Wein, dem Symbol für Genuss und menschliche Raffinesse, hadert.

Der Clou des Gedichts liegt in der ironischen Gegenüberstellung von Tier und Mensch. Der Dichter, der sich dem Wein zuwendet und versucht, dies zu rechtfertigen, sieht sich in einer höheren Position, da er „edlere Gaben“ besitzt. Er behauptet, dass die Ordnung der Welt dies so vorsieht: Die Ente trinkt Wasser, er Wein. Diese Aussage ist jedoch von Ironie durchzogen, da Lessing durch die Überhöhung der menschlichen Neigung zum Genuss und die gleichzeitige Abwertung der Ente die menschliche Hybris entlarvt. Die vermeintliche „Ordnung“ wird somit als willkürliche Unterscheidung und Rechtfertigung für eigene Schwächen entlarvt.

Die Sprache des Gedichts ist einfach und volksliedhaft, mit Reim und Rhythmus, wodurch es eingängig und leicht verständlich wird. Der Kontrast zwischen der scheinbaren Einfachheit der Sprache und der subtilen Kritik an menschlichen Verhaltensweisen macht das Gedicht zu einem Meisterwerk der satirischen Poesie. Lessing gelingt es, mit wenigen Worten eine tiefe Reflexion über die Natur des Menschen, die Rolle des Genusses und die Frage nach Moral und gesellschaftlicher Akzeptanz anzustoßen. Das Gedicht lädt den Leser ein, die eigene Lebensweise zu hinterfragen und die vermeintliche Überlegenheit des Menschen über das Tierreich zu relativieren.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.