Die Ente

Gotthold Ephraim Lessing

1755

Ente, wahres Bild von mir, Wahres Bild von meinen Brüdern! Ente, jetzo schenk′ ich dir Auch ein Lied von meinen Liedern.

Oft und oft muß dich der Neid Zechend auf dem Teiche sehen. Oft sieht er aus Trunkenheit Taumelnd dich in Pfützen gehen.

Auch ein Tier – – o das ist viel! Hält den Satz für wahr und süße, Daß, wer glücklich leben will, Fein das Trinken lieben müsse.

Ente, ists nicht die Natur, Die dich stets zum Teiche treibet? Ja, sie ists; drum folg′ ihr nur. Trinke, bis nichts übrig bleibet.

Ja, du trinkst und singst dazu. Neider nennen es zwar schnadern; Aber, Ente, ich und du Wollen nicht um Worte hadern.

Wem mein Singen nicht gefällt, Mag es immer Schnadern nennen. Will uns nur die neid′sche Welt Als versuchte Trinker kennen.

Aber, wie betaur′ ich dich, Daß du nur mußt Wasser trinken. Und wie glücklich schätz′ ich mich, Wenn mir Weine dafür blinken!

Armes Tier, ergib dich drein. Laß dich nicht den Neid verführen. Denn des Weins Gebrauch allein Unterscheidet uns von Tieren.

In der Welt muß Ordnung sein. Menschen sind von edlern Gaben. Du trinkst Wasser, und ich Wein; So will es die Ordnung haben.

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Illustration zu Die Ente

Interpretation

Das Gedicht "Die Ente" von Gotthold Ephraim Lessing ist eine humorvolle und satirische Betrachtung über menschliches Verhalten und gesellschaftliche Normen. Es verwendet die Ente als Symbol für den Menschen, der sich dem Genuss hingibt und dabei von Neid und Missgunst verfolgt wird. Der Sprecher identifiziert sich mit der Ente und preist die Tugend des Trinkens als Mittel zum glücklichen Leben. Er ermutigt die Ente, ihrem natürlichen Instinkt zu folgen und zu trinken, bis nichts mehr übrig bleibt, ohne sich um die Meinung der Neider zu kümmern. Im zweiten Teil des Gedichts reflektiert der Sprecher über die Unterschiede zwischen Mensch und Tier. Er bedauert, dass die Ente nur Wasser trinken muss, während er selbst Wein genießen kann. Doch er warnt die Ente davor, sich vom Neid verführen zu lassen und erinnert sie daran, dass der Gebrauch von Wein allein den Menschen von den Tieren unterscheidet. Der Sprecher betont die Wichtigkeit der Ordnung in der Welt und die edleren Gaben des Menschen. Er schließt mit der Feststellung, dass die Ente Wasser trinkt, während er Wein trinkt, und dass dies so die Ordnung haben will. Lessings Gedicht ist eine humorvolle und zugleich tiefgründige Auseinandersetzung mit menschlichen Lastern und Tugenden. Es zeigt die Absurdität des Neids und die Bedeutung des Genusses im Leben. Gleichzeitig wirft es Fragen nach der Natur des Menschen und seiner Stellung in der Welt auf. Das Gedicht lädt den Leser dazu ein, über die eigenen Werte und Verhaltensweisen nachzudenken und die feine Linie zwischen Genuss und Exzess zu erkennen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Taumelnd dich in Pfützen gehen
Anapher
Oft und oft muß dich der Neid
Hyperbel
Trinke, bis nichts übrig bleibet
Ironie
Und wie glücklich schätz′ ich mich, Wenn mir Weine dafür blinken
Kontrast
Du trinkst Wasser, und ich Wein
Metapher
Ente, wahres Bild von mir
Parallelismus
Du trinkst Wasser, und ich Wein; So will es die Ordnung haben
Personifikation
Oft und oft muß dich der Neid Zechend auf dem Teiche sehen
Rhetorische Frage
Ist es nicht die Natur, Die dich stets zum Teiche treibet?
Vergleich
Ente, wahres Bild von meinen Brüdern