Die Einzige
1793Wie ist ganz mein Sinn befangen, Einer, Einer anzuhangen; Diese Eine zu umpfangen Treibt mich einzig nur Verlangen; Freude kann mir nur gewähren, Heimlich diesen Wunsch zu nähren, Mich in Träumen zu bethören, Mich in Sehnen zu verzehren, Was mich tödtet zu gebähren.
Widerstand will mir nicht frommen, Fliehen muß ich neu zu kommen, Zürnen nur, mich zu versöhnen, Kann mich Ihrer nicht entwöhnen, Muß im lauten Jubel stöhnen; In den Becher fallen Thränen, Ich versink in träumrisch Wähnen; Höre nicht der Töne Reigen, Wie sie auf und nieder steigen,
Wogend schwellen Well′ in Welle; Sehe nicht der Farben Helle Strömen aus des Lichtes Quelle. Mich begrüßen Frühlingslüfte, Küssen leise Blumendüfte, Doch das all ist mir verlohren, Ist für mich wie nicht gebohren, Denn mein Geist ist eng umpfangen Von dem einzigen Verlangen Eine, Eine zu erlangen.
Hungrig in der Zahl der Gäste Siz ich bei dem Freudenfeste, Das Natur der Erde spendet; Frage heimlich ob′s bald endet? Ob ich aus der Gäste Reigen Dürf′ dem eklen Mahl entweichen, Das verschwendrisch Andre nähret: Mir nicht einen Wunsch gewähret? Eines nur mein Sinn begehret, Eine Sehnsucht mich verzehret; Eng ist meine Welt befangen, Nur vom einzigen Verlangen Was ich liebe zu erlangen.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Einzige" von Karoline von Günderode handelt von der überwältigenden Sehnsucht einer Person nach einer einzigen, unerreichbaren Liebe. Die lyrische Ich-Erzählerin ist von einem einzigen Verlangen besessen, das ihr gesamtes Denken und Fühlen beherrscht. Diese Liebe wird als einzige Quelle von Freude und Erfüllung dargestellt, während alles andere im Leben an Bedeutung verliert. Die Erzählerin beschreibt ihren Zustand als einen inneren Konflikt zwischen Verlangen und Widerstand, der jedoch letztendlich vom Verlangen überwältigt wird. Sie ist unfähig, sich von diesem Gefühl zu lösen und fühlt sich in einer Welt gefangen, die ihr ohne diese Liebe leer und bedeutungslos erscheint. Die Metaphern von Hunger und Durst unterstreichen die Intensität dieses Verlangens, das die Erzählerin als lebensnotwendig empfindet. Das Gedicht endet mit der Darstellung der Erzählerin als Außenseiterin bei einem Fest, das die Natur der Erde spendet. Während andere sich an den Freuden des Lebens erfreuen, fühlt sie sich ausgegrenzt und unzufrieden. Die Wiederholung des einzigen Verlangens am Ende des Gedichts betont die unerbittliche Natur dieser Sehnsucht und die Isolation, die sie mit sich bringt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Wie sie auf und nieder steigen
- Anapher
- Eine, Einer anzuhangen; Diese Eine zu umpfangen; Mir nicht einen Wunsch gewähret; Eines nur mein Sinn begehret
- Hyperbel
- Mich in Sehnen zu verzehren
- Metapher
- Das verschwendrisch Andre nähret
- Personifikation
- Freude kann mir nur gewähren