Die eheliche Liebe

Gotthold Ephraim Lessing

1746

Klorinde starb; sechs Wochen drauf Gab auch ihr Mann das Leben auf, Und seine Seele nahm aus diesem Weltgetümmel Den pfeilgeraden Weg zum Himmel. “Herr Petrus, rief er, aufgemacht! “Wer da? - “Ein wackrer Christ. - “Was für ein wackrer Christ? - “Der manche Nacht, Seit dem die Schwindsucht ihn aufs Krankenbette brachte, In Furcht, Gebet und Zittern wachte. Macht bald! - - Das Tor wird aufgetan. “Ha! ha! Klorindens Mann! Mein Freund, spricht Petrus, nur herein; Noch wird bei Eurer Frau ein Plätzchen ledig sein. “Was? meine Frau im Himmel? wie? Klorinden habt Ihr eingenommen? Lebt wohl! habt Dank für Eure Müh′! Ich will schon sonst wo unterkommen.”

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Illustration zu Die eheliche Liebe

Interpretation

Das Gedicht "Die eheliche Liebe" von Gotthold Ephraim Lessing beschreibt die Geschichte eines Mannes namens Klorindens Mann, der nach dem Tod seiner Frau ebenfalls stirbt und in den Himmel gelangen möchte. Er ruft beim Himmelstor Petrus an und gibt sich als frommer Christ zu erkennen, der in den letzten Wochen seines Lebens in Angst, Gebet und Zittern verbracht hat. Petrus öffnet das Tor und begrüßt ihn freudig als Klorindens Mann, da bei seiner Frau noch ein Platz frei sei. Die Pointe des Gedichts liegt darin, dass der Mann nach der Erkenntnis, dass seine Frau bereits im Himmel ist, seine Absicht aufgibt, selbst in den Himmel zu gelangen. Er verabschiedet sich von Petrus und beschließt, sich "sonst wo unterzukommen", was impliziert, dass er nicht mit seiner Frau im Himmel sein möchte. Dies deutet auf eine problematische oder zumindest distanzierte Beziehung zwischen den Ehepartnern hin, die im krassen Gegensatz zur erwarteten ehelichen Liebe steht. Lessings Gedicht karikiert somit die Vorstellung von ehelicher Liebe und Treue bis in den Tod hinein. Es zeigt, dass die Liebe zwischen den Ehepartnern nicht immer so ideal und innig ist, wie es die Gesellschaft erwartet. Der Mann bevorzugt es, ohne seine Frau weiterzuleben, anstatt mit ihr vereint im Himmel zu sein. Dies wirft ein ironisches und kritisches Licht auf die Institution der Ehe und die gesellschaftlichen Erwartungen an eheliche Liebe.

Schlüsselwörter

mann himmel petrus wackrer christ frau habt klorinde

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Stilmittel

Direkte Rede
Herr Petrus, rief er, aufgemacht! / Wer da? - Ein wackrer Christ. - / Was für ein wackrer Christ? - / Der manche Nacht, / Seit dem die Schwindsucht ihn aufs Krankenbette brachte, / In Furcht, Gebet und Zittern wachte.
Enjambement
Klorinde starb; sechs Wochen drauf / Gab auch ihr Mann das Leben auf
Ironie
Mein Freund, spricht Petrus, nur herein; / Noch wird bei Eurer Frau ein Plätzchen ledig sein.
Metapher
Den pfeilgeraden Weg zum Himmel
Personifikation
Und seine Seele nahm aus diesem Weltgetümmel
Reimschema
AABB
Wiederholung
Was? meine Frau im Himmel? wie? / Klorinden habt Ihr eingenommen?