Klorinde starb; sechs Wochen drauf
Gab auch ihr Mann das Leben auf,
Und seine Seele nahm aus diesem Weltgetümmel
Den pfeilgeraden Weg zum Himmel.
„Herr Petrus, rief er, aufgemacht!
„Wer da? – „Ein wackrer Christ. –
„Was für ein wackrer Christ? –
„Der manche Nacht,
Seit dem die Schwindsucht ihn aufs Krankenbette brachte,
In Furcht, Gebet und Zittern wachte.
Macht bald! – – Das Tor wird aufgetan.
„Ha! ha! Klorindens Mann!
Mein Freund, spricht Petrus, nur herein;
Noch wird bei Eurer Frau ein Plätzchen ledig sein.
„Was? meine Frau im Himmel? wie?
Klorinden habt Ihr eingenommen?
Lebt wohl! habt Dank für Eure Müh′!
Ich will schon sonst wo unterkommen.“
Die eheliche Liebe
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Die eheliche Liebe“ von Gotthold Ephraim Lessing ist eine humorvolle Auseinandersetzung mit dem Thema der Liebe und des Todes, wobei die Erwartungen an die „ewige“ Verbundenheit in der Ehe auf ironische Weise unterlaufen werden. Es beginnt mit dem Tod von Klorinde und kurz darauf von ihrem Ehemann, was zunächst eine tiefe Trauer und eine unerschütterliche Verbundenheit suggeriert. Die Szene im Himmel, wo der Mann Einlass begehrt, konfrontiert den Leser jedoch mit unerwarteten Wendungen und einem satirischen Blick auf die Erwartungen an das Jenseits.
Die Interaktion mit Petrus, dem Hüter des Himmels, ist zentral für die Auflösung des Gedichts. Die anfängliche Beschreibung des Mannes als „wackrer Christ“ und seine frommen nächtlichen Gebete lassen auf eine tiefe Frömmigkeit und den Wunsch nach Wiedervereinigung im Himmel schließen. Doch die überraschende Wendung erfolgt, als Petrus ihm mitteilt, dass ein Platz neben seiner Frau Klorinde frei ist. Anstatt sich über die Aussicht auf ewige Gemeinschaft zu freuen, reagiert der Mann mit Ablehnung und dem Wunsch, sich einen anderen Aufenthaltsort zu suchen.
Diese Reaktion ist von satirischer Natur und unterstreicht die wahre Natur der ehelichen Gefühle des Mannes. Sie deutet an, dass die vermeintliche Liebe und das Leid des Mannes, die zum Tod führten, möglicherweise nicht auf tiefer Zuneigung beruhten, sondern auf anderen Gründen, die im Gedicht nicht explizit genannt werden. Dies könnte Langeweile, Gewohnheit oder sogar eine tiefere Abneigung gewesen sein, die den Leser zum Nachdenken anregt, ob die „ewige“ Liebe in der Ehe wirklich so erstrebenswert ist, wie sie oft dargestellt wird.
Die Sprache ist einfach und direkt, mit einem lockeren Reimschema, das den humorvollen Charakter des Gedichts unterstreicht. Lessing nutzt diese Leichtigkeit, um eine unerwartete Pointe zu setzen und die Erwartungen des Lesers zu untergraben. Das Gedicht ist somit eine amüsante Kritik an den idealisierten Vorstellungen von Ehe und Liebe, die die tatsächlichen, oft komplexeren menschlichen Beziehungen auf ironische Weise hervorhebt. Es wirft Fragen nach den wahren Beweggründen hinter menschlichem Handeln auf und zeigt, dass selbst in den tiefsten menschlichen Verbindungen manchmal unerwartete Überraschungen auf uns warten.
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