Die Ehekämpen (8)
1862Frisch wie des Gletschers Quelle Hervorspringt in das Thal, Entzückt, daß ihre Welle Begrüßt des Tages Strahl, Und brausend nun zerschläget Ihr Bett von Felsgestein, Nachdem sie sich beweget So lang in Nacht allein; -
So frisch und so urkräftig Herrn Corsant es durchwallt, So war in ihm geschäftig Der Liebe Allgewalt; Es sprenget ihre Quelle Mit um so höh′rer Lust Die eigensinn′ge Schwelle Der kalten Felsenbrust.
Rasch wollt′ er sich erretten Aus seiner Buße Nacht, Nun seufzet er nach Ketten, Die er so oft verlacht. Wo sind der Heimath Sorgen? Was kümmert ihn Turin? Mit jedem neuen Morgen Sieht man zum Schloß ihn ziehn.
Dort unter jenen Bäumen, Wo er zuerst sie sah, Geht er in wachen Träumen, Bis sie ihm wieder nah; Bis sie lustwandelnd kommen, Frau Bertha mit dem Kind, Jolanthe zwar beklommen, Das Herz doch frohgesinnt.
Zum Seufzen doch und Schmachten Läßt Bertha ihm nicht Zeit, Wollt′ er die Lieb′ verachten, Fühl′ er auch jetzt ihr Leid. Er möcht′ so gern ihr sagen, Was tief sein Herz bewegt - Mit tausend lust′gen Fragen Sie stets zurück ihn schlägt.
Jolanthe zittert freilich, Wie sie ihn neckt und plagt. »Ihr hattet′s doch so eilig, Wann zieht Ihr heim denn, sagt? Warum geht Ihr nicht holen Am Hof des Herzogs dort, Wie ich es doch befohlen, Für Euch ein Weib sofort?«
»Weil ich nur hier will minnen«, Herr Corsant drauf entbeut, »Ich streb′ mit allen Sinnen Nach einer Schweizermaid.« »Dann bleibet hier nicht stehen, Sonst seid Ihr übel dran, Sie will ins Kloster gehen, Ich hab′ schon einen Mann!«
»Und doch will hier ich freien, Frau Bertha von Blonay, Trotz Euren Schelmereien Bleib′ ich in Eurer Näh′!« Er mochte schon vertrauen Auf seinen Uebermuth, Die Augen dort, die blauen, Sie machen alles gut.
Sie sprechen so herzinnig Von süßer Lieb′ und Treu′, Und flehen doch so innig, Voll zarter Mädchenscheu. »O schweige noch, du Trauter, Daß noch kein Hauch gesteht Der Seele heil′gen Schauder, Der wonnig uns durchweht.«
Er muß sich vor ihr neigen In sel′ger Trunkenheit, Dann bringt ihr banges Schweigen Ihm neue Traurigkeit; Aufs neue weilt voll Sorgen Auf ihr sein Sehnsuchtsblick, »Geduld, noch gibt′s ein Morgen!« Schaut lächelnd sie zurück.
O Knospe junger Liebe, Die sich entfaltet still, Und noch in sprödem Triebe Den Kelch nicht öffnen will, Du gleichst der Alpen-Frauen Erhabner Majestät, So hat bei deren Schauen Ihn Ehrfurcht tief umweht!
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Interpretation
Das Gedicht "Die Ehekämpen (8)" von Luise Büchner erzählt die Geschichte der aufkeimenden Liebe zwischen Herrn Corsant und Jolanthe. Das Gedicht beginnt mit einer Metapher, die den Zustand von Herrn Corsant mit einer Quelle vergleicht, die aus einem Gletscher hervorbricht und sich befreit fühlt. Diese Metapher symbolisiert die neu entdeckte Liebe, die in ihm erwacht und ihn mit Energie und Lebensfreude erfüllt. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Beziehung zwischen Herrn Corsant und Jolanthe genauer beschrieben. Obwohl Jolanthe sich manchmal neckend und herausfordernd verhält, ist Herr Corsant von ihr fasziniert und lässt sich nicht von ihr abschrecken. Er ist bereit, auf ihre Provokationen einzugehen und ihre Gesellschaft zu suchen, auch wenn sie ihm manchmal den Zugang zu seinen Gefühlen versperrt. Die Beziehung zwischen den beiden ist von einer Mischung aus Zuneigung, Spannung und Unsicherheit geprägt. Im letzten Teil des Gedichts wird die aufkeimende Liebe zwischen Herrn Corsant und Jolanthe mit einer Knospe verglichen, die sich langsam entfaltet. Die Metapher der Alpen-Frauen symbolisiert die Schönheit und den Respekt, den Herr Corsant für Jolanthe empfindet. Obwohl die Liebe noch nicht vollständig erblüht ist, spürt man die tiefe Verbundenheit und die Sehnsucht nach einer gemeinsamen Zukunft. Das Gedicht endet mit einem Ausdruck der Hoffnung und des Vertrauens in die Entwicklung ihrer Beziehung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Ehrfurcht tief umweht
- Personifikation
- Entzückt, daß ihre Welle Begrüßt des Tages Strahl