Die Ehekämpen (6)
1862»Zu leben und zu sterben am reichsten Glücke arm!« Es füllt Jolanthens Seele dies Wort mit stillem Harm, Es tönet in ihr weiter, wie eine Harfe bebet Noch lange, wenn schon ferne die Hand, die sie belebet.
Sie steht am Bogenfenster, sieht in die stille Nacht: Im Mondenstrahl erglänzet der Alpen hohe Wacht, Der Mondenstrahl umwebet den See mit goldnen Säumen, Er lockt das arme Herze zum Sehnen und zum Träumen.
Und leise, leise ziehet, wie ferner Geisterklang, Jetzt durch des Schlosses Hallen gar lieblicher Gesang: Frau Bertha auf den Knieen vor einem Bettlein lieget, In Schlaf und süße Ruhe ihr holdes Kindchen wieget.
Jolanthe, o Jolanthe, sieh′ nicht auf dieses Glück, Und vor der Welt da draußen verschließe deinen Blick! Dir kann in Klostermauern nicht die Erinn′rung frommen, Wie selig eine Mutter und die Natur vollkommen. -
Sie hat kein Schloß und Erbe, allein, verwaist stand sie, Kaum kannte sie den Vater und Mutterliebe nie, - Die fromme Braut des Himmels, will sie den Schleier nehmen, Sie konnt′ es bis zur Stunde noch ohne Schmerz und Grämen.
Doch ach! mit einem Male scheint ihr die Welt so hold, Der Freundin Muttername erwärmt wie Sonnengold Der Jungfrau reines Herze - soll sie die nie erwerben, Soll arm am reichsten Glücke sie leben so und sterben?
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Interpretation
Das Gedicht "Die Ehekämpen (6)" von Luise Büchner handelt von der inneren Zerrissenheit der jungen Jolanthe, die zwischen ihrer Bestimmung als Braut des Himmels und dem plötzlichen Verlangen nach irdischem Glück und Mutterschaft steht. Die Zeilen "Zu leben und zu sterben am reichsten Glücke arm!" drücken ihre tiefe Traurigkeit aus, da sie erkennt, dass sie als Nonne auf das größte Glück, die Mutterschaft, verzichten muss. Die poetische Sprache und die Bilder der Natur, wie der Mond und der See, unterstreichen ihre Sehnsucht und das Gefühl der Einsamkeit. Jolanthens innerer Konflikt wird durch den Kontrast zwischen ihrer klösterlichen Bestimmung und der Szene, in der Frau Bertha ihr Kind wiegt, verdeutlicht. Diese Szene löst in Jolanthe ein tiefes Verlangen nach Mutterschaft aus, das sie bislang nicht empfunden hat. Die Erwähnung ihrer verwaisten Kindheit und des Mangels an mütterlicher Liebe verstärkt ihre Sehnsucht und macht sie sich bewusst, was sie aufgibt. Die Metapher des "Sonnengolds" symbolisiert die Wärme und das Licht, das die Mutterschaft in ihr Leben bringen könnte. Am Ende des Gedichts steht Jolanthe vor einer schweren Entscheidung. Sie muss sich zwischen dem Leben als Nonne, das sie bisher ohne Schmerz und Kummer akzeptiert hat, und dem unerwarteten Verlangen nach irdischem Glück entscheiden. Die Frage "Soll arm am reichsten Glücke sie leben so und sterben?" lässt den Leser an ihrem inneren Kampf teilhaben und verdeutlicht die Tragik ihrer Situation. Luise Büchner gelingt es, durch die eindringliche Sprache und die emotionale Tiefe, die Zerrissenheit Jolanthens und die Schönheit der Mutterschaft eindrucksvoll darzustellen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- In Schlaf und süße Ruhe ihr holdes Kindchen wieget
- Metapher
- Soll arm am reichsten Glücke sie leben so und sterben
- Personifikation
- Er lockt das arme Herze zum Sehnen und zum Träumen
- Vergleich
- wie ferner Geisterklang