Die Ehekämpen (4)

Luise Büchner

1862

Manchen Tag noch zog der wackre Reiter Durch der Berge Labyrinth, Bis sie öffnen weiter sich und weiter, Und als einst die Nacht zerrinnt,

Als die Morgenlüste frischer schwellen, Schaut er in das offne Land, Wo die blauen, wundersamen Wellen Rollt der Leman an den Strand.

Wie ein Traum voll Grausen und Entzücken Hinter ihm die Müh′ entweicht, Eine Welt entrollt sich seinen Blicken, Fast an Schönheit unerreicht:

Einen duft′gen Zauberschleier weben Lorbeer- und Kastaniengrün, Hinter dem die blauen Fluthen schweben, Zitternd auf und niedersprüh′n.

Hat der See den Himmel eingetrunken, Daß er strahlt in solchem Blau? Zu der Erde scheint der hingesunken, Huldigend der hohen Frau,

Welche hier an Majestät und Schöne Gleicht der stolzen Juno, wie Sie, damit der höchste Reiz sie kröne, Sich der Anmuth Gürtel lieh.

So erhaben und so hold und süße, Den entzückten Blick sie grüßt, Rebenhügel kränzen ihre Füße Und das Haupt die Sterne küßt.

Wie sie Segen giebt mit vollen Händen, Zeigt des Menschen friedlich Haus, Hingestreut an allen Hügelwänden, Baumumschattet lugt′s heraus. -

Doch nicht lang mag jetzt der Ritter schauen, Auf springt er nach kurzer Rast. Eilen muß er zu den holden Frauen, Denn am Ziele ist er fast.

Wie der Adler stolz sein Nest nur klebet An den Fels, in Tiefen nie, So auf schroffer Bergwand dort erhebet Sich das Schloß von Meillerie.

An der Pforte fraget er beklommen Nach der Dame von Blonay, Schlecht will ihm darauf die Antwort frommen, Daß sie drüben überm See.

Kann er immer sich noch nicht entlasten Von der auferlegten Schuld? Einen Kahn sieht er am Strande rasten, Springt hinein voll Ungeduld,

Faßt das Ruder an mit starken Händen, Theilt die klare Zauberfluth; Und hinüber nach den Rebgeländen Steuert er sein Schifflein gut.

Lustig regt der Brise frisches Wehen Rings ein stolzes Wellenheer, Glänzend rieseln von den Wasserhöhen Weiße Perlen zahllos her.

Wie von einem Traumgesicht umgaukelt, Wo sich dränget Bild an Bild, An dem Ufer er vorüberschaukelt, Dem stets neuer Reiz entquillt.

Chillon, düstrer noch bei so viel Glanze, Flieht vorbei, das Schattenhaus, Freundlich winkt aus der Kastanien Kranze Montreux′s Kirchlein schon heraus.

Nun, Geduld noch eine kurze Weile - Vevay′s Thürme sind nicht weit, Schon stürmt er heran in mächt′ger Eile, Gönnt am Land sich keine Zeit.

Weiter, weiter geht es ohne Säumen Nach dem Schlosse von Blonay, Unterm Schatten von Kastanienbäumen Liegt es droben auf der Höh′.

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Illustration zu Die Ehekämpen (4)

Interpretation

Das Gedicht "Die Ehekämpen (4)" von Luise Büchner beschreibt die Reise eines Ritters durch die Schweizer Alpen, der auf der Suche nach einer Frau ist. Der Ritter durchquert die Berge und gelangt schließlich in das offene Land am Genfer See, wo er von der Schönheit der Landschaft überwältigt wird. Die Natur wird als traumhaft und zauberhaft beschrieben, mit dem See, der den Himmel zu trinken scheint und die Erde zu umarmen scheint. Die Frau, die der Ritter sucht, wird mit der Göttin Juno verglichen und als erhaben und anmutig dargestellt. Der Ritter eilt weiter zu den Frauen und gelangt schließlich zum Schloss von Meillerie. Dort erfährt er, dass die Frau, die er sucht, auf der anderen Seite des Sees wohnt. Er nimmt ein Boot und rudert über den See, vorbei an der Burg Chillon und dem Dorf Montreux. Schließlich erreicht er das Schloss von Blonay, wo die Frau wohnt. Das Gedicht endet mit der Ankunft des Ritters am Schloss, ohne zu verraten, ob er die Frau gefunden hat oder nicht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Frage
Hat der See den Himmel eingetrunken, Daß er strahlt in solchem Blau?
Metapher
Unterm Schatten von Kastanienbäumen Liegt es droben auf der Höh'
Personifikation
Wo die blauen, wundersamen Wellen Rollt der Leman an den Strand
Vergleich
Wie von einem Traumgesicht umgaukelt, Wo sich dränget Bild an Bild