Die Ehekämpen (1)
1862Einst zu Turin am Hofe versammelte zum Feste Der Herzog Karl der Dritte gar viele edle Gäste; Man trank in vollen Zügen den rothen Veltlinwein Und rings im Kreise scholl es von lust′gen Neckerei′n.
Um eine Tafel saßen sie alle in der Runde, Die sich bereits ergeben dem süßen Ehebunde; Um eine andre Alles, was jung und ledig war - Ein Blumenbeet zu schauen ist nicht so frisch und klar.
Herüber und hinüber stritt man mit keckem Sinnen, Ob′s besser sei zu freien, ob besser nur zu minnen; Es priesen Frau′n und Männer den schönen Ehestand, Wenn′s auch vielleicht im Herzen ein Mancher anders fand.
Herr Corsant de la Bresse, der jungen Ritter Blume, Erhob das Glas und sprach: »Es gilt der Freiheit Ruhme! Der Freiheit von dem süßen, doch läst′gen Ehejoch, Sind′s auch nur Rosenketten, so bleiben′s Ketten doch!
»Wir weihen drum den Damen nicht minder heiße Triebe, Doch nur vereint mit Freiheit kann preisen ich die Liebe!« Die jungen Ritter riefen es ihm mit Jubel nach, Es stießen an die Damen, jedoch ein wenig schwach.
Herr Simon von Blonay sprang auf mit edler Hitze, Beglückt seit einem Jahre fühlt er sich im Besitze Der schönsten Dame, die er so warm in Lieb′ umfing, Daß ihm die kecke Sprache tief durch die Seele ging.
»Dies Glas bring′ ich der Ehe!« scholl seine Gegenrede, »Und fordre einen jeden mit mir heraus zur Fehde, Der es bezweifeln möchte, ein Ehegatte sei, Weil er ein Weib genommen, nun minder stark und frei!
Und würdiger als Jungfrau′n sind diese wohl zu preisen, Die Gattin wir und Mutter von unsern Kindern heißen, Für deren Ruhm und Ansehn bin ich hier allezeit Zu brechen eine Lanze mit jedem gern bereit!«
Da klatschten alle Männer, da nickten alle Frauen, Es war der Herr von Blonay gar herrlich anzuschauen; Er hielt die Hand am Schwerte, sein Auge blitzte voll, Ein sieggewohntes Lächeln um seine Lippen quoll.
Im Kreis der jungen Ritter stand Corsant ganz so prächtig: »Herr Simon von Blonay,« so rief er jetzo mächtig, »Wir wollen Lanzen brechen mit Euch zu jeder Stund - Ich für den Preis der Freiheit, Ihr für den Ehebund!«
Da schlugen in die Hände die jungen Ritter wieder, Allein die jungen Damen, sie blickten schweigend nieder, Von ihnen hätte jede es lieber wohl geseh′n, Er möcht′ mit ihr zur Kirche, statt zu dem Kampfe geh′n.
Der Herzog hatte stille dem lust′gen Streit gelauschet, Und sah, daß nur zur Kurzweil man solche Fehde tauschet. So mocht′ er wohl erlauben, daß ohne Haß und Groll Der Kampf der beiden Ritter sich bald vollziehen soll.
Er selber will bestimmen des muntern Kampfs Gesetze, Der ihm und seinem Hofe soll dienen zum Ergötze - Zweimal mit stumpfer Lanze zu rennen Mann gen Mann Wird ihnen erst gestattet, und fünfzehn Gänge dann
Zu fechten mit dem Schwerte; wenn sich besiegt sollt′ neigen Der Streiter für die Ehe, muß er die Kniee beugen Vor′m Fräulein von Savoyen und ihre Gnad′ erfleh′n, Dieweil sie noch bis jetzo ließ alle Freier steh′n,
Und vor noch einer Jungfrau, die darf der Sieger nennen, Hat er als überwunden im Staub sich zu bekennen - Doch, wenn besiegt sollt′ werden der led′ge junge Fant Hier durch des Ehekämpen geschickte, tapfre Hand,
Muß er, o harte Strafe! erst reuig niederfallen Vor ihr, die wohl am meisten gefürchtet war von allen, Zur Dame von Savoyen muß er um Gnade fleh′n - Da möchte jeder lieber vor ihrer Tochter steh′n!
Dann mußte noch Herr Corsant, sollt′ es so schlecht ihm glücken, Sich, um Vergebung flehend, vor jener Dame bücken, Der Simon von Blonay gereichet seine Hand Und die er einst gefreiet im schönen Schweizerland.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Ehekämpen" von Luise Büchner beschreibt eine gesellschaftliche Zusammenkunft am Hofe des Herzogs Karl des Dritten in Turin, bei der über die Vorzüge der Ehe und der Freiheit debattiert wird. Die Anwesenden sind in zwei Gruppen geteilt: Verheiratete und Junggesellen. Die Diskussion eskaliert, als zwei Ritter, Herr Corsant de la Bresse und Herr Simon von Blonay, ihre konträren Ansichten über Ehe und Freiheit verteidigen. Herr Corsant de la Bresse, der für die Freiheit eintritt, betont, dass die Ehe, obwohl sie wie eine Rosenkette erscheinen mag, immer noch eine Kette ist, die die Freiheit einschränkt. Er fordert die Freiheit der Liebe ohne die Bindung der Ehe. Im Gegensatz dazu preist Herr Simon von Blonay, der seit einem Jahr glücklich verheiratet ist, die Vorzüge der Ehe und fordert jeden heraus, der seine Meinung bezweifelt. Er sieht die Ehe als würdiger an als den Junggesellenstand und ist bereit, für diese Ansicht zu kämpfen. Der Herzog, der den Streit beobachtet hat, entscheidet sich, einen spielerischen Zweikampf zwischen den beiden Rittern zu erlauben, um die Debatte zu einem unterhaltsamen Abschluss zu bringen. Die Regeln des Kampfes sind festgelegt: Beide Ritter müssen mit stumpfen Lanzen und anschließend mit Schwertern kämpfen. Der Verlierer muss vor den Damen knien und um Gnade bitten. Die Strafe für den Verlierer ist symbolisch und soll die Ernsthaftigkeit der Debatte unterstreichen, während gleichzeitig die Unterhaltung des Hofes gewährleistet wird. Das Gedicht endet mit der Festlegung der Bedingungen für den Kampf, der als eine Art Ritterturnier inszeniert wird, um die unterschiedlichen Ansichten über Ehe und Freiheit auf humorvolle Weise zu klären.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Rosenketten, so bleiben's Ketten doch
- Bildsprache
- Der ihm und seinem Hofe soll dienen zum Ergötze
- Direkte Rede
- Da möcht' jeder lieber vor ihrer Tochter steh'n!
- Hyperbel
- O harte Strafe!
- Ironie
- Es war der Herr von Blonay gar herrlich anzuschauen
- Kontrast
- Zur Dame von Savoyen muß er um Gnade fleh'n
- Metapher
- In den Kreis der jungen Ritter stand Corsant ganz so prächtig
- Personifikation
- Der Freiheit von dem süßen, doch läst'gen Ehejoch
- Symbolik
- Sich, um Vergebung flehend, vor jener Dame bücken
- Wiederholung
- Doch, wenn besiegt sollt' werden der led'ge junge Fant