Die Dryas
unknownO Liebe, wie schnell verrinnest du, Du flüchtige, schöne Stunde, Mit einer Wunde beginnest du Und endest mit einer Wunde.
Ein Jüngling irrt im Waldesraum, Umspielt von goldnen Schimmern, Und späht nach einem schönen Baum, Sich draus ein Boot zu zimmern.
“Jungeiche mit dem stolzen Wuchs, Du bist mir gleich die rechte, Dich zeichn ich mit dem Beile flugs, Dann ruf ich meine Knechte.”
Er führt den Streich. Ein schmerzlich Ach Macht jählings ihn erbleichen. “Ich sterbe!” stöhnts im Stamme schwach, “Die jüngste dieser Eichen!”
Ein Tröpfchen Blutes oder zwei Sieht er am Beile hangen Und schleuderts weg mit einem Schrei, Als hätt er Mord begangen.
Schnell flüsterts aus dem Baume jetzt: “Der Mord ist nicht vollendet! Ich bin nur leicht am Arm verletzt. Ich hatt mich umgewendet.”
“Komm, Göttin”, fleht er, “Waldeskind, Dass ich Vergebung finde!” Die Schultern schmiegend schlüpft geschwind Die Dryas aus der Rinde.
Ein Dämmer lag auf Stirn und Haar, Ein Brüten und ein Weben, Von grünem Blätterschatten war Der schlanke Wuchs umgeben.
Er fing den Arm zu küssen an Die Stelle mit dem Hiebe, Und, der er viel zu Leid getan Die tat ihm viel zu Liebe.
“In meinem Baum - ist lauter Traum …” Sie schlüpft zurück behende Und lispelt in den Waldesraum: “Ich weiss, wen ich dir sende!”
Der Botin Biene Dienst ist schwer Sie muss sich redlich plagen Honig und Wermut hin und her Waldaus, waldein zu tragen.
Einmal kam Bienchen wild gebrummt. “Dryas, mich kanns entrüsten!” Es setzt sich an den Stamm und summt: “Ich sahs, wie sie sich küssten!
Sie ist ein blühend Nachbarkind Muss ihn beständig necken - Dich lässt er nun bei Wetter und Wind In deinem Baume stecken!”
Ein schmerzlich Ach, als wände sich Ein schlanker Leib und stürbe! Das Laub vergilbt, die Krone blich, Die Rinde bröckelt mürbe.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Die Dryas" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt die tragische Geschichte einer Nymphe, die sich in einen jungen Mann verliebt. Der Jüngling irrt durch den Wald und entdeckt die Dryas, die sich in einem Baum versteckt hat. Er beabsichtigt, den Baum zu fällen, um ein Boot daraus zu bauen, doch als er zuhiebt, offenbart sich die Dryas und fleht um Gnade. Der Jüngling erkennt seinen Irrtum und küsst die Wunde, die er der Dryas zugefügt hat. Die Dryas kehrt in ihren Baum zurück und schickt eine Biene als Botin aus, um dem Jüngling eine andere Frau zuzuführen. Die Biene kehrt jedoch verärgert zurück und berichtet, dass der Jüngling die Dryas vernachlässigt und stattdessen eine andere Frau geküsst hat. Daraufhin stirbt die Dryas in ihrem Baum, der daraufhin verwelkt und zerfällt. Das Gedicht thematisiert die Vergänglichkeit der Liebe und die Schmerzen, die mit ihr einhergehen können. Die Dryas symbolisiert die unerfüllte Liebe, die letztlich zum Tod führt. Der Jüngling steht für die Unbeständigkeit und Untreue, die oft in menschlichen Beziehungen vorkommen. Das Motiv des Baumes als Versteck der Dryas unterstreicht die Verbundenheit der Nymphe mit der Natur und ihre Verletzlichkeit, wenn diese bedroht wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Ein Tröpfchen Blutes oder zwei / Sieht er am Beile hangen
- Anspielung
- Titel: Die Dryas (Bezug zur griechischen Mythologie)
- Bildsprache
- Ein Dämmer lag auf Stirn und Haar, / Ein Brüten und ein Weben
- Hyperbel
- Als hätt er Mord begangen
- Ironie
- Die Dryas aus der Rinde
- Kontrast
- Honig und Wermut hin und her
- Metapher
- O Liebe, wie schnell verrinnest du, / Du flüchtige, schöne Stunde
- Personifikation
- Ich sterbe! stöhnts im Stamme schwach
- Symbolik
- Die Dryas (Namen der Dryade)
- Vergleich
- Du bist mir gleich die rechte