Die drei Zigeuner
1802Drei Zigeuner fand ich einmal Liegen an einer Weide, Als mein Fuhrwerk mit müder Qual Schlich durch sandige Heide.
Hielt der eine für sich allein In den Händen die Fiedel, Spielte, umglüht vom Abendschein, Sich ein feuriges Liedel.
Hielt der zweite die Pfeif im Mund, Blickte nach seinem Rauche, Froh, als ob er vom Erdenrund Nichts zum Glücke mehr brauche.
Und der dritte behaglich schlief, Und sein Zimbal am Baum hing, Über die Saiten der Windhauch lief, Über sein Herz ein Traum ging.
An den Kleidern trugen die drei Löcher und bunte Flicken, Aber sie boten trotzig frei Spott den Erdengeschicken.
Dreifach haben sie mir gezeigt, Wenn das Leben uns nachtet, Wie mans verraucht, verschläft, vergeigt Und es dreimal verachtet.
Nach den Zigeunern lang noch schaun Mußt ich im Weiterfahren, Nach den Gesichtern dunkelbraun, Den schwarzlockigen Haaren.
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Interpretation
Das Gedicht "Die drei Zigeuner" von Nikolaus Lenau beschreibt die Begegnung des lyrischen Ichs mit drei Zigeunern, die ein sorgloses und selbstbestimmtes Leben führen. Jeder der drei Zigeuner widmet sich seiner eigenen Beschäftigung: einer spielt leidenschaftlich auf der Fiedel, ein anderer genießt seine Pfeife und der Dritte schläft behaglich. Trotz ihrer ärmlichen Kleidung mit Löchern und bunten Flicken strahlen die Zigeuner eine trotzige Freiheit aus, die die Widrigkeiten des Lebens verhöhnt. Lenau verwendet die drei Zigeuner als Symbole für verschiedene Lebensweisen: der Musiker verkörpert die Hingabe an die Kunst, der Raucher die Zufriedenheit mit einfachen Freuden und der Schlafende den Rückzug aus der Welt. Gemeinsam repräsentieren sie eine Lebensphilosophie, die das Leben als etwas Vergängliches und Belangloses ansieht. Das lyrische Ich erkennt in ihnen ein dreifaches Beispiel dafür, wie man das Leben "verraucht, verschläft, vergeigt" und dabei dreimal verachtet, also nicht ernst nimmt und sich nicht von ihm unterkriegen lässt. Das Gedicht endet damit, dass das lyrische Ich noch lange nach den Zigeunern blickt, fasziniert von ihren dunklen Gesichtern und schwarzlockigen Haaren. Diese anhaltende Betrachtung deutet auf eine tiefe Bewunderung für die Lebensweise der Zigeuner und eine Sehnsucht nach der von ihnen verkörperten Freiheit und Unabhängigkeit hin. Lenau kritisiert damit implizit die gesellschaftlichen Normen und die bürgerliche Lebensweise, die oft von Zwängen und Erwartungen geprägt ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Liegen an einer Weide
- Bildsprache
- Gesichtern dunkelbraun, / Den schwarzlockigen Haaren
- Enjambement
- Wenn das Leben uns nachtet, / Wie mans verraucht, verschläft, vergeigt
- Hyperbel
- Nichts zum Glücke mehr brauche
- Ironie
- Aber sie boten trotzig frei Spott den Erdengeschicken
- Kontrast
- Dreifach haben sie mir gezeigt
- Metapher
- umglüht vom Abendschein
- Personifikation
- Über die Saiten der Windhauch lief
- Symbolik
- Die Fiedel als Symbol der Kunst
- Vergleich
- Froh, als ob er vom Erdenrund