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Die drei Reiche der Natur

Von

Ich trink′, und trinkend fällt mir bei,
Warum Naturreich dreifach sei.
Die Tier′ und Menschen trinken, lieben,
Ein jegliches nach seinen Trieben:
Delphin und Adler, Floh und Hund
Empfindet Lieb′, und netzt den Mund.
Was also trinkt und lieben kann,
Wird in das erste Reich getan.

Die Pflanze macht das zweite Reich,
Dem ersten nicht an Güte gleich:
Sie liebet nicht, doch kann sie trinken;
Wenn Wolken träufelnd niedersinken,
So trinkt die Zeder und der Klee,
Der Weinstock und die Aloe.
Drum, was nicht liebt, doch trinken kann,
Wird in das zweite Reich getan.

Das Steinreich macht das dritte Reich;
Und hier sind Sand und Demant gleich:
Kein Stein fühlt Durst und zarte Triebe,
Er wächset ohne Trunk und Liebe.
Drum, was nicht hebt noch trinken kann,
Wird in das letzte Reich getan.
Denn ohne Lieb′ und ohne Wein,
Sprich, Mensch, was bleibst du noch? – – Ein Stein.

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Gedicht: Die drei Reiche der Natur von Gotthold Ephraim Lessing

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Die drei Reiche der Natur“ von Gotthold Ephraim Lessing ist eine philosophische Betrachtung über die Ordnung und die Hierarchie in der Natur, aufbauend auf den Fähigkeiten zu trinken und zu lieben. Lessing teilt die Natur in drei Reiche ein, basierend auf den grundlegenden Bedürfnissen und Fähigkeiten, die die Lebewesen in diesen Reichen auszeichnen. Die Einteilung spiegelt eine zunehmende Komplexität und eine Steigerung der Lebensformen wider, wobei jedes Reich durch spezifische Eigenschaften definiert wird.

Im ersten Reich, das die Tiere und Menschen umfasst, sind Liebe und das Trinken untrennbar miteinander verbunden. Lessing hebt hervor, dass alle Lebewesen in diesem Reich, vom Delphin bis zum Menschen, lieben und trinken. Diese Verbindung deutet auf die Bedeutung von Emotionen und Bedürfnissen hin, die das Leben in diesem Reich prägen. Lessing verweist auf die Instinkte und Triebkräfte, die diese Lebewesen antreiben, was auf eine eher sinnliche und instinktive Natur des Lebens in diesem ersten Reich hindeutet.

Das zweite Reich ist das der Pflanzen. Hier wird die Liebe durch das Trinken ersetzt. Pflanzen können nicht lieben, aber sie nehmen Wasser auf, um zu überleben. Dies deutet auf eine einfachere Form des Lebens hin, die sich auf das Notwendige konzentriert, ohne die Emotionen und komplexen Beziehungen, die im ersten Reich vorherrschen. Die Pflanzen werden als weniger komplex und auf das Wesentliche reduziert dargestellt.

Das dritte Reich ist das der Steine, in dem weder Liebe noch Trinken existiert. Hier herrscht eine starre, unbelebte Welt, in der Wachstum und Entwicklung ohne die Notwendigkeit von Flüssigkeit oder emotionaler Bindung stattfinden. Lessing betont die Gleichgültigkeit der Steine, die weder Durst noch Gefühle kennen. Die Schlusszeile „Denn ohne Lieb‘ und ohne Wein, Sprich, Mensch, was bleibst du noch? – – Ein Stein.“ ist eine eindringliche Mahnung. Sie stellt die Existenz des Menschen in Frage, wenn er seine Fähigkeit zur Liebe und zum Genuss verliert, und suggeriert, dass ohne diese grundlegenden menschlichen Erfahrungen das Leben sinnlos und leblos wie ein Stein wird.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.