Die drei Reiche der Natur
1747Ich trink′, und trinkend fällt mir bei, Warum Naturreich dreifach sei. Die Tier′ und Menschen trinken, lieben, Ein jegliches nach seinen Trieben: Delphin und Adler, Floh und Hund Empfindet Lieb′, und netzt den Mund. Was also trinkt und lieben kann, Wird in das erste Reich getan.
Die Pflanze macht das zweite Reich, Dem ersten nicht an Güte gleich: Sie liebet nicht, doch kann sie trinken; Wenn Wolken träufelnd niedersinken, So trinkt die Zeder und der Klee, Der Weinstock und die Aloe. Drum, was nicht liebt, doch trinken kann, Wird in das zweite Reich getan.
Das Steinreich macht das dritte Reich; Und hier sind Sand und Demant gleich: Kein Stein fühlt Durst und zarte Triebe, Er wächset ohne Trunk und Liebe. Drum, was nicht hebt noch trinken kann, Wird in das letzte Reich getan. Denn ohne Lieb′ und ohne Wein, Sprich, Mensch, was bleibst du noch? – – Ein Stein.
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Interpretation
Das Gedicht "Die drei Reiche der Natur" von Gotthold Ephraim Lessing stellt die drei Naturreiche – Tiere, Pflanzen und Mineralien – anhand ihrer Fähigkeit zu trinken und zu lieben dar. Lessing verwendet einen einfachen, aber effektiven Vergleich, um die Unterschiede zwischen diesen Reichen zu verdeutlichen. Das Gedicht beginnt mit einer persönlichen Reflexion des Erzählers, der beim Trinken darüber nachdenkt, warum die Natur in drei Reiche unterteilt ist. Im ersten Reich, den Tieren, sind alle Wesen vereint, die sowohl trinken als auch lieben können. Lessing betont, dass alle Tiere, von Delphinen und Adlern bis hin zu Flöhen und Hunden, diese Fähigkeiten besitzen. Das zweite Reich, die Pflanzen, kann zwar trinken, aber nicht lieben. Sie nehmen Wasser auf, wenn es regnet, aber ihnen fehlt die Fähigkeit zu empfinden. Das dritte Reich, die Mineralien, kann weder trinken noch lieben. Steine wachsen ohne den Bedarf nach Wasser oder Liebe. Das Gedicht endet mit einer provokanten Frage an den Menschen, der sowohl trinken als auch lieben kann. Lessing stellt die rhetorische Frage, was der Mensch ohne Liebe und Wein noch wäre – ein Stein. Diese Schlussfolgerung unterstreicht die Einzigartigkeit des Menschen, der die Fähigkeiten der Tiere besitzt und gleichzeitig die Fähigkeit zur Reflexion und zum Verständnis seiner selbst hat.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Wiederholung von Anfangskonsonanten, wie in 'Delphin und Adler, Floh und Hund' und 'Zeder und der Klee'.
- Anapher
- Die Wiederholung von 'Ich trink', und trinkend fällt mir bei' am Anfang des Gedichts und 'Die Pflanze macht das zweite Reich' und 'Das Steinreich macht das dritte Reich' zur Strukturierung der drei Reiche.
- Enjambement
- Der Gedankenstrich am Ende des Gedichts '– – Ein Stein.' lässt den Satz unvollendet und betont die Pointe.
- Hyperbel
- Die Übertreibung in 'Demant' und 'Sand' sind im Steinreich 'gleich', um die Gleichheit in diesem Reich zu betonen.
- Ironie
- Die Ironie in der Schlussfolgerung, dass der Mensch ohne Liebe und Wein 'ein Stein' bleibt, spielt auf die menschliche Natur an.
- Kontrast
- Der Gegensatz zwischen den Reichen, insbesondere 'Demant' und 'Sand' im Steinreich, sowie 'Liebe' und 'Trinken' in den verschiedenen Reichen.
- Metapher
- Die Reiche der Natur werden metaphorisch als 'Reich' bezeichnet, was eine Hierarchie und Abgrenzung suggeriert.
- Parallelismus
- Die Struktur der Verse, die die Eigenschaften der Reiche beschreiben, folgt einem parallelen Muster, z.B. 'Sie liebet nicht, doch kann sie trinken' und 'Kein Stein fühlt Durst und zarte Triebe'.
- Personifikation
- Die Natur wird personifiziert, indem den Reichen menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden, wie 'lieben' und 'trinken'.
- Rhetorische Frage
- Die abschließende Frage 'Sprich, Mensch, was bleibst du noch? – – Ein Stein.' fordert den Leser auf, über die eigene Natur nachzudenken.