Die drei Indianer
1833Mächtig zürnt der Himmel im Gewitter, Schmettert manche Rieseneich in Splitter, Übertönt des Niagara Stimme, Und mit seiner Blitze Flammenruten Peitscht er schneller die beschäumten Fluten, Daß sie stürzen mit empörtem Grimme.
Indianer stehn am lauten Strande, Lauschen nach dem wilden Wogenbrande, Nach des Waldes bangem Sterbgestöhne; Greis der eine, mit ergrautem Haare, Aufrecht überragend seine Jahre, Die zwei andern seine starken Söhne.
Seine Söhne jetzt der Greis betrachtet, Und sein Blick sich dunkler jetzt umnachtet Als die Wolken, die den Himmel schwärzen, Und sein Aug versendet wildre Blitze Als das Wetter durch die Wolkenritze, Und er spricht aus tiefempörtem Herzen:
»Fluch den Weißen! ihren letzten Spuren! Jeder Welle Fluch, worauf sie fuhren, Die einst Bettler unsern Strand erklettert! Fluch dem Windhauch, dienstbar ihrem Schiffe! Hundert Flüche jedem Felsenriffe, Das sie nicht hat in den Grund geschmettert!
Täglich übers Meer in wilder Eile Fliegen ihre Schiffe, giftge Pfeile, Treffen unsre Küste mit Verderben. Nichts hat uns die Räuberbrut gelassen, Als im Herzen tödlich bittres Hassen: Kommt, ihr Kinder, kommt, wir wollen sterben!«
Also sprach der Alte, und sie schneiden Ihren Nachen von den Uferweiden, Drauf sie nach des Stromes Mitte ringen; Und nun werfen sie weithin die Ruder, Armverschlungen Vater, Sohn und Bruder Stimmen an, ihr Sterbelied zu singen.
Laut ununterbrochne Donner krachen, Blitze flattern um den Todesnachen, Ihn umtaumeln Möwen sturmesmunter; Und die Männer kommen festentschlossen Singend schon dem Falle zugeschossen, Stürzen jetzt den Katarakt hinunter.
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Interpretation
Das Gedicht "Die drei Indianer" von Nikolaus Lenau schildert eine dramatische Szene am Niagara-Fall während eines gewaltigen Gewitters. Drei Indianer, ein Greis und seine beiden starken Söhne, stehen am Ufer und lauschen dem tosenden Wasserfall und dem wütenden Sturm. Der alte Mann blickt auf seine Söhne und sein Blick verdunkelt sich, als er von seinem tief empörten Herzen aus einen Fluch gegen die Weißen ausspricht. Er verflucht ihre Schiffe, ihre Ankunft und die Zerstörung, die sie über sein Volk gebracht haben. Der Greis ruft seine Söhne dazu auf, gemeinsam zu sterben, anstatt weiterhin unter der Unterdrückung durch die Weißen zu leben. Sie schneiden ihren Nachen von den Uferweiden, rudern in die Mitte des Flusses und beginnen, ihr Sterbelied zu singen. Die Szene wird von Donnern und Blitzen umgeben, Möwen tummeln sich um den Todesnachen. Die drei Männer kommen fest entschlossen singend dem Fall näher und stürzen schließlich den Katarakt hinunter. Das Gedicht thematisiert den tragischen Konflikt zwischen den Ureinwohnern Nordamerikas und den europäischen Einwanderern. Es zeigt die Verzweiflung und den Hass, den die Unterdrückung durch die Weißen in den Indianern ausgelöst hat. Der gemeinsame Selbstmord der drei Männer symbolisiert den Verlust von Freiheit und Würde sowie den endgültigen Untergang der indianischen Kultur. Lenau schafft mit eindrucksvollen Naturbildern und einer dramatischen Handlung eine eindringliche Anklage gegen Kolonialismus und Unterdrückung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Fluch den Weißen! ihren letzten Spuren! Jeder Welle Fluch, worauf sie fuhren
- Hyperbel
- Und sein Aug versendet wildre Blitze Als das Wetter durch die Wolkenritze
- Metapher
- Stürzen jetzt den Katarakt hinunter
- Personifikation
- Laut ununterbrochne Donner krachen
- Vergleich
- Und sein Blick sich dunkler jetzt umnachtet Als die Wolken, die den Himmel schwärzen