Die Dorfkirche
1790In einem Dorf, am frühen Morgen, Sah ich ein Kirchlein offen stehn, Und wie’s mir freundlich schien zu winken, Trieb mich das Herz, hinein zu gehn.
Nur wenig Beter fand ich knieen, Denn Werktag war’s und Erntezeit; Ein greiser Priester sprach den Segen Und hielt das heil’ge Mahl bereit.
Da naht ein Weib sich dem Altare, Den zarten Säugling an der Brust: Ihr Antlitz schwamm in Doppelgluthen Der Andacht und der Mutterlust.
Und als ihr Mund das Brod des Lebens Empfangen aus des Priesters Hand, Sie’s kaum berührt mit ihren Lippen Und mit verklärtem Blicke stand,
Da drückte schnell in hoher Wonne Sie an den Mund den Säugling zart; Reicht’ ihm den Theil der Himmelsspeise, Den sie ihm liebend aufbewahrt. –
O, süße Macht der Mutterliebe, Die Gottesblume dieser Welt, Die Alles theilt, den Leib des Herren Selbst nicht für sich allein behält!
Zieh’, junge Frau, mit frommem Troste, Und reicher Segen sey Dein Theil! Wie Du vertraut, so sey erhöret, Dem Kinde blühe Glück und Heil!
Und weinend trat ich aus der Kirche Und dacht’ an ein entferntes Grab: Dort ruht schon längst, bedeckt von Rasen, Die beste Mutter, die es gab!
Die hätte wohl, wie Pelikane Die Brust sich öffnen für die Brut, Auch ihre Kinder gern genähret Mit ihrem besten Herzensblut!
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Interpretation
Das Gedicht "Die Dorfkirche" von Joseph Christian von Zedlitz beschreibt eine bewegende Szene in einer ländlichen Kirche am frühen Morgen. Der Erzähler betritt die Kirche und beobachtet eine junge Mutter, die ihr Kind zum Altar bringt, um die Kommunion zu empfangen. Die Mutter, erfüllt von Andacht und mütterlicher Liebe, teilt das Brot des Lebens mit ihrem Säugling, nachdem sie selbst davon gekostet hat. Diese Geste symbolisiert die selbstlose und alles teilende Natur der Mutterliebe, die selbst das Heiligste nicht für sich behält. Die Interpretation des Gedichts offenbart eine tiefe Verehrung für die Mutterliebe als eine göttliche Kraft, die als "Gottesblume dieser Welt" bezeichnet wird. Die Mutter wird als eine selbstlose Figur dargestellt, die bereit ist, alles zu teilen, sogar das heilige Brot, mit ihrem Kind. Der Erzähler wünscht der jungen Frau Segen und Erfolg für ihr Kind, was die Hoffnung und das Vertrauen in die Kraft der mütterlichen Liebe unterstreicht. Das Gedicht schließt mit einer melancholischen Reflexion des Erzählers, der an seine eigene Mutter denkt, die bereits verstorben ist. Er imaginiert, dass sie, wie ein Pelikan, der seine Brust für seine Jungen öffnet, ihr Herzblut für ihre Kinder gegeben hätte. Diese Metapher verstärkt das Thema der bedingungslosen und opferbereiten Liebe einer Mutter, die selbst im Tod weiterhin als Vorbild für selbstlose Hingabe dient.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Ihr Antlitz schwamm in Doppelgluthen
- Hyperbel
- Die beste Mutter, die es gab
- Metapher
- Die Alles theilt, den Leib des Herren
- Personifikation
- Und wie's mir freundlich schien zu winken
- Symbolik
- Die Gottesblume dieser Welt
- Vergleich
- Wie Du vertraut, so sey erhöret