Die Dirne

Paul Boldt

1885

Die Zähne standen unbeteiligt, kühl Gleich Fischen an den heißen Sommertagen. Sie hatte sie in sein Gesicht geschlagen Und trank es - trank - entschlossen dies Gefühl

In sich zu halten, denn sie ward ein wenig Wie früher Mädchen und erlitt Verführung; Er aber spürte bloß Berührung, Den Mund wie einen Muskel, mager, sehnig.

Und sollte glauben an ihr Offenbaren, Und sah, wie sie dann dastand - spiegelnackt - Das Falsche, das Frisierte an den Haaren;

Und unwillig auf ihren schlechten Akt Schlug er das Licht aus, legte sich zu ihr, Mischend im Blut Entsetzen mit der Gier.

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Illustration zu Die Dirne

Interpretation

Das Gedicht "Die Dirne" von Paul Boldt beschreibt eine Begegnung zwischen einer Frau und einem Mann, die von Distanz und Entfremdung geprägt ist. Die Frau wird als gleichgültig und kühl dargestellt, ihre Zähne werden mit Fischen an heißen Sommertagen verglichen, was ihre fehlende Leidenschaft symbolisiert. Sie trinkt das Gesicht des Mannes, was auf eine Art von Konsum oder Ausbeutung hindeutet. Die Frau versucht, ein Gefühl in sich zu halten, das sie an ihre frühere Verführung erinnert, aber der Mann spürt nur die körperliche Berührung, den Mund als einen "mager, sehnig" Muskel. Der Mann soll an das Offenbaren der Frau glauben, aber als er sie spiegelnackt sieht, erkennt er das Falsche und Frisierte an ihren Haaren. Dies deutet auf eine Verstellung oder Täuschung hin, die ihn enttäuscht. Die Frau scheint eine Rolle zu spielen, die nicht ihrer wahren Natur entspricht. Das Gedicht endet mit einer ambivalenten Szene, in der der Mann das Licht ausknipst und sich zu der Frau legt. Er mischt im Blut Entsetzen mit Gier, was auf eine zwiespältige Gefühlslage hindeutet. Einerseits empfindet er Abscheu oder Angst vor der Frau und der Situation, andererseits wird er von einer animalischen Gier getrieben. Das Gedicht vermittelt eine Atmosphäre der Isolation, des Misstrauens und der Verzweiflung in einer sexuellen Begegnung, die von Oberflächlichkeit und Entfremdung geprägt ist.

Schlüsselwörter

trank zähne standen unbeteiligt kühl gleich fischen heißen

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Stilmittel

Metapher
Mischend im Blut Entsetzen mit der Gier
Personifikation
Die Zähne standen unbeteiligt
Vergleich
Den Mund wie einen Muskel, mager, sehnig