Die Diebe

Adolf Glaßbrenner

1844

Da war einmal ein kleiner Dieb, Der stahl ein Brod dem Kind zulieb, Und wurde schier gefangen, Und konnte erst in Jahr und Stund, Trotz sein und seines Weibes Mund, Die Freiheit wieder erlangen.

Dem Andern war’s Glück auch nicht hold: Stahl einem Filz ’nen Sack mit Gold Durch Einbruch still und nächtens; Und eh’ noch ein halb Jahr verging, Er am Gevatter Dreibein hing, Und das von wegen Rechtens.

Der Dritte war ein großer Dieb, Der stahl sich ganz allein zulieb Der Menschen Ehr’ und Rechte, Und Städt’ und Länder obendrein: Dem thäten sie Ruhmesopfer weih’n, Und dienten ihm wie Knechte.

Nun weiß ich doch wahrhaftig nicht, Wie solch ein dummes Ding geschicht, Und müßte doch vermeinen, Daß, wenn euch Gott das Urtheil lenkt’, Der dritte Dieb viel höher hängt, Als wie die beiden kleinen!

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Illustration zu Die Diebe

Interpretation

Das Gedicht "Die Diebe" von Adolf Glaßbrenner beschreibt drei verschiedene Arten von Diebstahl und deren Folgen. Der erste Dieb stiehlt ein Brot für sein Kind und wird fast gefangen, kann aber nach einiger Zeit seine Freiheit wiedererlangen. Der zweite Dieb bricht in ein Haus ein und stiehlt einen Sack voller Gold, wird jedoch bereits nach einem halben Jahr gehängt und stirbt durch das Strangulationsgerät, das als "Dreibein" bezeichnet wird. Der dritte Dieb ist ein großer Dieb, der nicht materielle Güter stiehlt, sondern die Ehre und Rechte der Menschen sowie ganze Städte und Länder. Anstatt bestraft zu werden, wird er von den Menschen verehrt und ihnen dienen wie Knechte. Das Gedicht endet mit einer Frage des Erzählers, der sich wundert, wie so etwas passieren kann und vermutet, dass der dritte Dieb, wenn Gott richten würde, viel höher hängen würde als die beiden anderen kleinen Diebe. Das Gedicht kritisiert die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft, in der kleine Diebe hart bestraft werden, während große Diebe, die ganze Länder und die Rechte der Menschen stehlen, verehrt und nicht bestraft werden. Es verdeutlicht die Diskrepanz zwischen der Bestrafung von kleinen Diebstählen und der Anerkennung von großen Dieben, die Macht und Einfluss haben. Das Gedicht regt zum Nachdenken über die moralischen Werte und die Gerechtigkeit in der Gesellschaft an.

Schlüsselwörter

dieb stahl zulieb jahr dritte einmal kleiner brod

Wortwolke

Wortwolke zu Die Diebe

Stilmittel

Hyperbel
Der dritte Dieb viel höher hängt, Als wie die beiden kleinen
Ironie
Dem thäten sie Ruhmesopfer weih'n, Und dienten ihm wie Knechte
Metapher
Der dritte Dieb stahl sich ganz allein zulieb Der Menschen Ehr' und Rechte
Personifikation
Und Städt' und Länder obendrein