Die Dicken und die Dünnen

Anastasius Grün

1907

Fünfzig Jahre sind’s, da riefen unsre Eltern zu den Waffen: Krieg und Kampf den dicken, plumpen, kugelrunden, feisten Pfaffen! Auch in Waffen steh’n wir Enkel; jetzt doch muß die Losung sein: Krieg und Kampf den dünnen, magern, spindelhagern Pfäffelein!

Aber wo gab’s größre Arbeit, welcher Kampf bot mehr Gefahren? Wo galt’s fester auszudauern, wo galt’s klüger sich zu wahren? Lauthin schnaubt die plumpe Wildsau, wenn sie durch das Dickicht keucht, Aber leise kriecht die Viper, die nach deinen Fersen schleicht!

Einst verschnarchten dicke Pfaffen ganze Tag’ in süßem Schläflein, Jetzt doch liegen auf der Lauer immer wach die dünnen Pfäfflein; Jene brüllten ihre Inbrunst heulend in die Welt hinein, Diese winseln ihren Jammer, Katern gleich im März, so fein.

Mächt’gen, schweren Folianten glichen einstens jene Dicken, »Allgemeines großes Kochbuch« stand als Inschrift auf dem Rücken; Einem schmalen kleinen Büchlein sind die Dünnen gleich, fürwahr, »Kurzgefaßte Gaunerstücklein« beut das Titelblatt euch dar.

Mit der Grobheit und der Dummheit hattet einst den Kampf, ihr Alten, Doch der Artigkeit und Schlauheit müssen wir die Stange halten! Einstens rannten euch die Dicken mit dem Wanst die Thüren ein, Doch es kriechen jetzt die Dünnen uns durchs Schlüsselloch herein.

Längst schon hat ein tapfrer Ritter kühn der Dicken Heer gebändigt, Und als goldner Stern des Tages jene finstre Nacht geendigt, Joseph hieß der Stern und Ritter! Wien, du kannst sein Denkmal seh’n Ach und will denn gen die Dünnen nimmer solch ein Held ersteh’n?

O so steigt ihr Dicken wieder lebend aus der Todesurne! Doch mit altem gutem Magen! Werdet christliche Saturne! Und verschlingt den magern Nachwuchs, o dann sind wir beider los, Denn nicht lange mehr kann leben, wer solch’ gift’ge Kost genoß!

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Illustration zu Die Dicken und die Dünnen

Interpretation

Das Gedicht "Die Dicken und die Dünnen" von Anastasius Grün ist eine satirische Kritik an der katholischen Geistlichkeit. Der Dichter kontrastiert die alten, dicken Pfaffen mit den neuen, dünnen Pfäfflein und deutet an, dass beide gleichermaßen problematisch sind. Die "Dicken" werden als plump und dumm dargestellt, während die "Dünnen" als listig und hinterlistig beschrieben werden. Grün verwendet verschiedene Metaphern und Vergleiche, um seine Kritik zu verdeutlichen. Die alten Pfaffen werden mit wilden Schweinen verglichen, die laut und plump sind, während die neuen Pfäfflein wie Schlangen dargestellt werden, die leise und hinterhältig sind. Die "Dicken" werden auch mit schweren Folianten verglichen, die ein "Allgemeines großes Kochbuch" enthalten, während die "Dünnen" wie schmale Büchlein mit "Kurzgefaßte Gaunerstücklein" beschrieben werden. Der Dichter beklagt, dass die alten Pfaffen zwar plump und dumm waren, aber wenigstens offen und ehrlich in ihrer Dummheit. Die neuen Pfäfflein hingegen sind schlau und hinterlistig, schleichen sich durch Schlüssellöcher ein und sind immer auf der Lauer. Grün ruft nach einem neuen Helden, der die "Dünnen" genauso bekämpft wie Joseph II. die "Dicken" bekämpft hat. Am Ende des Gedichts wünscht sich der Dichter, dass die "Dicken" mit ihren alten guten Mägen zurückkehren und den "mager Nachwuchs" verschlingen, um so beide loszuwerden.

Schlüsselwörter

dicken dünnen kampf waffen krieg pfaffen magern mehr

Wortwolke

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Stilmittel

Hyperbel
O so steigt ihr Dicken wieder lebend aus der Todesurne
Metapher
Und als goldner Stern des Tages jene finstre Nacht geendigt
Personifikation
Aber leise kriecht die Viper, die nach deinen Fersen schleicht
Vergleich
Lauthin schnaubt die plumpe Wildsau, wenn sie durch das Dickicht keucht