Die Dichterin
1916Dass du Bunte, hexenhafte Holde Deinen Mund wie auf dich selber richtest Und, von Haar bis Nerven wie aus Golde, Diesen Glanz, statt ihn zu leben, dichtest!
Deiner weißen Adern Schuss, geladen Mit nicht andrer als der Andern Spannung, Löst sich nur zu reicher Worte Schwaden, Ich gewinne nichts, wie in Entmannung.
Also bist du, nur an dich Geschmiegte, Meinem Wunsche, fein berührt zu werden, Schmerzlich, - wie der weibischen Gebärden Übernähe, die mich sonst bekriegte…
Traumhaft bleibt die mit mir Gleichgewiegte.
Anhören
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Die Dichterin" von Alfred Wolfenstein beschreibt die Ambivalenz des lyrischen Ichs gegenüber einer weiblichen Dichterin. Diese Dichterin wird als "bunte, hexenhafte Holde" beschrieben, die ihre Schönheit und ihren Glanz nicht im Leben erfährt, sondern nur in ihren Gedichten. Das lyrische Ich fühlt sich von ihr angezogen, aber auch enttäuscht, da es von ihr keine echte emotionale oder körperliche Nähe erfährt. Das lyrische Ich kritisiert die Dichterin dafür, dass sie ihre Gefühle und Erfahrungen nur in Worte fasst, anstatt sie zu leben. Es vergleicht ihre weißen Adern, die mit der gleichen Spannung wie bei anderen Frauen geladen sind, mit dem "Schwaden" reicher Worte. Das lyrische Ich fühlt sich "entmannt", da es von der Dichterin nichts gewinnt und ihre Nähe nur als schmerzhaft empfindet. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass die Dichterin, die mit dem lyrischen Ich "gleichgewiegt" ist, ein "Traum" bleibt. Dies deutet darauf hin, dass das lyrische Ich die Dichterin als unerreichbar und idealisiert empfindet, obwohl es von ihr enttäuscht ist. Das Gedicht thematisiert die Spannung zwischen der idealisierten Vorstellung von einer Dichterin und der Realität ihrer emotionalen Distanz und Unnahbarkeit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Traumhaft bleibt die mit mir Gleichgewiegte
- Personifikation
- Diesen Glanz, statt ihn zu leben, dichtest!