Die Dichterin/ Fragment aus der Blechschmiede

Arno Holz

1863

Powrer noch als Zink und Zinn ist die deutsche Dichterin.

Vor der ersten gelben Primel leiert sie ihr Lenzgeschwimel.

Lilien, Heliotropen, Rosen wiegen sie in Duftnarkosen.

Hyazinthen und Azalien frisst ihr Vers wie Viktualien.

Zwischen Rittersporn und Malven knallt sie ihre Liedersalven.

In Salbei und Türkenbund weint sie sich die Aeuglein wund.

Hinter ihr mit ernster Miene runzelt sich die Georgine.

Erst die herbstlich blaue Aster klebt auf ihre Wunde Pflaster.

Träumt sie nächtens von Melissen, klammert sie sich um die Kissen.

Centifolien, Mohn und Nelken, einsam muss ich hier verwelken!

Tuberosen, Nachtviolen, und sie wälzt sich wie auf Kohlen.

Da, auf einem Besenstiel, naht ein Marschall namens Niel.

Naht sich Bakkios mit dem Eppich, krümmt sich ihres Leibes Teppich.

Naht sich Gabriel, der Engel, greift sie nach dem Tulpenstengel.

Küsst das Morgenrot Verbenen, sehrt sie immer noch ihr Sehnen.

Kaiserkronen und Jasmin, endlich, endlich hat sie ihn!

Raden, Wegerich und Rapps, ach, er ist ein zweiter Abs.

Hühnerfuss und Hahnenkamm, endlich nennt man sie Madamm.

Durch Kamelien und Kakteeen, hat sie ihn zuerst gesehen.

Bienen summten um den Stock, blaugrün war sein Havelock.

Klang ein Lied ihr “Still im Stillen”, und sie glitt in die Kamillen.

Schämig hauchten die Skabiosen, kuck, das Kind hat keine Hosen!

Zärtlich seufste das Reseda, ach, sie ist so lieb wie Leda!

Keusch am Busen blaue Veilchen, kocht sie ihm jetzt Käsekeilchen.

Meiran, Dill und Krauseminze, alle Mittwoch bäckt sie Plinze.

Bohnen, Erbsen, Weisskohl, Wrucken stopft sie ihm in alle Lucken.

Und welch eigne Poesie schafft ihm erst ihr Sellerie!

Schon fragt sie ein Tausendschönchen: wirds ein Töchterchen, ein Söhnchen?

Rosmarin und Amaranth, schliesslich siegt das Wickelband!

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Illustration zu Die Dichterin/ Fragment aus der Blechschmiede

Interpretation

Das Gedicht "Die Dichterin/ Fragment aus der Blechschmiede" von Arno Holz ist eine satirische Darstellung einer deutschen Dichterin, die in ihrer poetischen Arbeit stark von der Natur und Blumen beeinflusst ist. Die Dichterin wird als eine Figur dargestellt, die in einem ständigen Kreislauf von Inspiration und Enttäuschung gefangen ist, symbolisiert durch die wechselnden Jahreszeiten und die verschiedenen Blumen, die sie beschreibt. Ihre Gedichte sind durchtränkt von der Duftnarkose der Blumen, die sie in ihren Versen verzehrt und verarbeitet, wie Viktualien, die sie konsumiert. Die Interpretation des Gedichts zeigt, dass die Dichterin in ihrer kreativen Arbeit gefangen ist und von ihren eigenen poetischen Ausdrucksformen überwältigt wird. Die Blumen und Pflanzen, die sie beschreibt, werden zu Symbolen für ihre emotionalen Zustände und ihre künstlerischen Bemühungen. Die Georgine, die sich mit ernster Miene runzelt, und die blaue Aster, die ihr im Herbst Pflaster auf die Wunde legt, verdeutlichen die emotionalen Höhen und Tiefen, die die Dichterin durchlebt. Ihre Träume von Melissen und ihre Verzweiflung über die Einsamkeit werden durch die Pflanzenwelt dargestellt, die sie umgibt. Das Gedicht endet mit einer ironischen Wendung, als die Dichterin schließlich einen Mann trifft und sich in ihn verliebt. Die Blumen und Pflanzen, die zuvor ihre Inspiration und ihr Trost waren, werden nun von der Realität des Alltags und der Liebe abgelöst. Die Dichterin wird zur Hausfrau, die ihrem Geliebten Essen zubereitet und sich um ihn kümmert. Die letzte Zeile, "Schliesslich siegt das Wickelband", deutet darauf hin, dass die Dichterin am Ende von den konventionellen Rollen und Erwartungen der Gesellschaft eingeholt wird und ihre kreative Freiheit verliert.

Schlüsselwörter

naht endlich erst blaue alle powrer zink zinn

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Meiran, Dill und Krauseminze
Hyperbel
und sie wälzt sich wie auf Kohlen
Metapher
Rosmarin und Amaranth, schliesslich siegt das Wickelband
Personifikation
Schon fragt sie ein Tausendschönchen
Symbolik
Bohnen, Erbsen, Weisskohl, Wrucken stopft sie ihm in alle Lucken