Die Dämonen der Städte

Georg Heym

1887

Sie wandern durch die Nacht der Städte hin, Die schwarz sich ducken unter ihrem Fuß. Wie Schifferbärte stehen um ihr Kinn Die Wolken schwarz vom Rauch und Kohlenruß.

Ihr langer Schatten schwankt im Häusermeer Und löscht der Straßen Lichterreihen aus. Er kriecht wie Nebel auf dem Pflaster schwer Und tastet langsam vorwärts Haus für Haus.

Den einen Fuß auf einen Platz gestellt, Den anderen gekniet auf einen Turm, Ragen sie auf, wo schwarz der Regen fällt, Panspfeifen blasend in den Wolkensturm.

Um ihre Füße kreist das Ritornell Des Städtemeers mit trauriger Musik, Ein großes Sterbelied. Bald dumpf, bald grell Wechselt der Ton, der in das Dunkel stieg.

Sie wandern an dem Strom, der schwarz und breit Wie ein Reptil, den Rücken gelb gefleckt Von den Laternen, in die Dunkelheit Sich traurig wälzt, die schwarz den Himmel deckt.

Sie lehnen schwer auf einer Brückenwand Und stecken ihre Hände in den Schwarm Der Menschen aus, wie Faune, die am Rand Der Sümpfe bohren in den Schlamm den Arm.

Einer steht auf. Dem weißen Monde hängt Er eine schwarze Larve vor. Die Nacht, Die sich wie Blei vom finstern Himmel senkt, Drückt tief die Häuser in des Dunkels Schacht.

Der Städte Schultern knacken. Und es birst Ein Dach, daraus ein rotes Feuer schwemmt. Breitbeinig sitzen sie auf seinem First Und schrein wie Katzen auf zum Firmament.

In einer Stube voll von Finsternissen Schreit eine Wöchnerin in ihren Wehn. Ihr starker Leib ragt riesig aus den Kissen, Um den herum die großen Teufel stehn.

Sie hält sich zitternd an der Wehebank. Das Zimmer schwankt um sie von ihrem Schrei, Da kommt die Frucht. Ihr Schoß klafft rot und lang Und blutend reißt er von der Frucht entzwei.

Der Teufel Hälse wachsen wie Giraffen. Das Kind hat keinen Kopf. Die Mutter hält Es vor sich hin. In ihrem Rücken klaffen Des Schrecks Froschfinger, wenn sie rückwärts fällt.

Doch die Dämonen wachsen riesengroß. Ihr Schläfenhorn zerreißt den Himmel rot. Erdbeben donnert durch der Städte Schoß Um ihren Huf, den Feuer überloht.

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Illustration zu Die Dämonen der Städte

Interpretation

Das Gedicht "Die Dämonen der Städte" von Georg Heym schildert eine düstere, apokalyptische Vision von Städten, die von Dämonen heimgesucht werden. Die Dämonen werden als riesenhafte, bedrohliche Wesen dargestellt, die durch die nächtlichen Straßen schreiten und Zerstörung und Leid bringen. Die Stimmung ist durchweg düster und bedrohlich, geprägt von Bildern der Verzweiflung und des Todes. Die Dämonen werden als schattenhafte Gestalten beschrieben, die sich durch die Städte bewegen und dabei Häuser und Menschen in Mitleidenschaft ziehen. Ihre Anwesenheit wird mit Naturkatastrophen wie Erdbeben und Feuer in Verbindung gebracht, was die zerstörerische Kraft der Dämonen unterstreicht. Die Städte selbst werden als leidende Wesen dargestellt, deren "Schultern knacken" und deren Dächer Feuer fangen. Ein besonders grausamer Aspekt des Gedichts ist die Szene in der Stube, in der eine Wöchnerin ein Kind ohne Kopf zur Welt bringt. Dieses Bild symbolisiert das Scheitern des Lebens und die Unfähigkeit der Städte, neues Leben hervorzubringen. Die Dämonen werden als Zeugen dieses tragischen Ereignisses dargestellt, was ihre Rolle als Verkörperungen des Bösen und des Todes unterstreicht. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass die Dämonen immer größer und mächtiger werden, was darauf hindeutet, dass die Zerstörung und das Leid, das sie bringen, unaufhaltsam sind.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Ihr Schläfenhorn zerreißt den Himmel rot
Personifikation
Erdbeben donnert durch der Städte Schoß
Vergleich
Um ihren Huf, den Feuer überloht